Gemeinsamer Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar 2026 in Nürnberg
Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, gedachte aller Opfergruppen und begrüßte besonders die anwesenden Überlebenden und Nachfahren. Er sprach über Nürnberg in der Zeit des Nationalsozialismus‘ und von den Erfahrungen ungarischer Zwangsarbeiterinnen in den Nürnberger Außenlagern des KZ Flossenbürg. Bei seinen Ausführungen zum aktuellen Zeitgeschehen warnte er vor wachsenden Antisemitismus, verurteilte die aktuelle politische Entwicklung in Iran und äußerte seine Sorgen über „die Rückkehr des braunen Denkens in den Köpfen junger Politiker“. Sein Appell: „81 Jahre nach Kriegsende stehen wir an einem Scheideweg. Die Welt ist unsicherer geworden, gespaltener. Die Versuchung ist groß, nach einfachen Antworten zu suchen, nach starken Führern. Auch an der Wahlurne. Doch wir haben gelernt: Es gibt kein „einfach“. Was zählt, ist die mühsame, tägliche Arbeit für Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde.“
Landtagspräsidentin Ilse Aigner gedachte in ihrer Rede zunächst der Opfer des NS-Regimes: „Ihr Leben, ihr Leiden, ihr Tod haben uns die Richtung gewiesen für unser Grundgesetz, für unsere Demokratie. Und deshalb ist es wahr: Die Opfer des Nationalsozialismus – sie sind Teil unserer Identität! Die Millionen Opfer und ihr Schicksal zu vergessen - oder gar zu leugnen - ist Verrat an unserer Heimat.“ Sie betonte die Bedeutung der gewachsenen Erinnerungskultur, die das Mindeste sei, was wir den Opfern schuldeten, so Aigner: „Sie ist heute ein Akt der Stärke, des wehrhaften demokratischen Selbstbewusstseins.“
Im Gedenken an die Millionen Opfer und die „Ungeheuerlichkeit“ vor Augen, „die in deutschem Namen ins Werk gesetzt wurde“, stellte die Präsidentin die mahnende Frage: „Wenn wir all das wissen – was läuft falsch in unserem Land?“ Dabei bezog sie sich nicht nur auf rassistische, antisemitische, sexistische oder queer-feindliche Vorfälle an Schulen und Umfragen, in denen „eine - zumindest in Teilen - gesichert rechtsextreme Partei stärkste Kraft ist“, sondern auch auf Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie sowie auf politische und religiöse Extremisten und Antisemitismus: „Was läuft falsch, wenn jüdische Menschen wieder anfangen, sich zu verstecken? Unser Land muss Antworten geben. Wir müssen Antworten geben!“ Sie forderte in ihrer Rede daher: „Aufrufe zu Gewalt und Vernichtung dürfen nicht folgenlos bleiben. Es muss sich etwas ändern in unserem Rechtsstaat, in unserer Gesellschaft, in unserem Denken, Reden und Handeln! […] In Deutschland muss Antisemitismus die rote Linie sein!“ Wie weit der weltweite Antisemitismus fortgeschritten ist, machte die Präsidentin am Beispiel von Alexander Kleytman deutlich, der als Kind die Shoa überlebte, aufgrund von Antisemitismus nach Australien emigrierte – und mit 87 Jahren beim Attentat am Bondi Beach in Sydney ermordet wurde. „Von Tätern, die Juden töteten – weil sie Juden sind.“ Sie endete ihre Rede deshalb mit der Mahnung „Machen wir uns also bewusst: Geschichte kann sich doch wiederholen, wenn wir sie nicht aufhalten.“
Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Marcus König, betonte die besondere Rolle des Ortes: „Die Geschichte Nürnbergs – als ‚Stadt der Reichsparteitage‘, aber auch als Stadt der Nürnberger Prozesse – verpflichtet uns in besonderer Weise. Nürnberg steht wie kaum eine andere Stadt für die Abgründe deutscher Geschichte – und für den Versuch, aus Schuld Recht und aus Unrecht Verantwortung abzuleiten. Es ist unser Auftrag, unsere Demokratie zu schützen, die Erinnerung wachzuhalten. Und jeden Tag klar zu sagen: Ausgrenzung hat keinen Platz. Hass hat keinen Platz. Antisemitismus hat keinen Platz – nicht in Nürnberg, nicht in Bayern, nicht in Deutschland.“
Filmproduzent Prof. Martin Moszkowicz, erzählte in seiner Rede seine Familiengeschichte als Sohn eines Opfers und Enkel eines Täters des NS-Regimes: „Meine Eltern wurden zu Architekten einer Versöhnung, die über das Vorstellbare hinausging“, so Moszkowicz. Er betonte: „Versöhnung ist kein festgelegter Zustand. Sie ist eine tägliche Entscheidung.“ Doch heute sei der Antisemitismus stärker denn jemals in der Zeit nach Holocaust und Weltkrieg – und er zeige sich offener denn je. Neben den erkennbaren Quellen des Antisemitismus sei eines dabei zentral: „Antisemitismus – historisch wie gegenwärtig – lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen, von dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen. Meine Familie hat nicht nur unter den Tätern gelitten. Sie hat auch unter der Passivität der vielen gelitten, die nichts taten, die aus Angst oder Opportunismus wegschauten. Die nichts wissen wollten.“ Moszkowicz‘ Mahnung daher: „Der gefährlichste Verbündete des Hasses ist nicht der Radikale, sondern der Gleichgültige.“
Auch die Überlebenden Abba Naor und Ernst Grube nahmen an dem Gedenken in Nürnberg teil sowie viele Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Politik und Kirche, unter ihnen Mitglieder des Landtagspräsidiums, der Bayerischen Staatsregierung, der Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, Dr. Hans-Joachim Heßler, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, und Erich Schneeberger, Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma Landesverband Bayern.
Vor dem Gedenkakt hatten Stiftungsdirektor Karl Freller, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Oberbürgermeister Marcus König Kränze am Gedenkstein für die Synagoge am Hans-Sachs-Platz niedergelegt. Vertreter der Israeltischen Kultusgemeinde Nürnberg, des Verbands für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus (Vevon e.V.), des Verbands Deutscher Sinti und Roma Landesverband Bayern e.V., des Fördervereins CSD Nürnberg e.V. (Nürnberg Pride), des Behindertenrats der Stadt Nürnberg und des Internationalen Lagerkomitees Dachau (CID) waren bei der Kranzniederlegung anwesend.
Musikalisch wurde durch das Ensemble „Oper Plus“ der Opfer gedacht: Absolventinnen und Absolventen der Hochschule für Musik Nürnberg untermalten die Veranstaltung mit Operettenstücken jüdischer Künstler. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts war Nürnberg eine Hochburg der Operettenkultur mit bedeutenden jüdischen Komponisten wie Emmerich Kálmán, Paul Abraham oder Friedrich Holländer.
Traditionell veranstalten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten jährlich gemeinsam den Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Ziel dieses Gedenkens ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern auch die Mahnung an die junge Generation, derartiges Unrecht nie wieder zuzulassen.
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