Informationstafeln am Ehrenhain II erinnern ab heute an Opfer der NS-Justiz aus dem Gefängnis München‑Stadelheim – „Das Unrecht ist jetzt klar benannt“, so Direktor Karl Freller von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten
Mit den neuen Informationstafeln direkt am Ehrenhain II auf dem Friedhof am Perlacher Forst wird künftig vertieft an die Opfer der nationalsozialistischen Justiz erinnert, die im Münchner Gefängnis Stadelheim hingerichtet wurden. Die Tafeln wurden federführend von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten in Kooperation mit den genannten Partnern erarbeitet und finanziert. Sie sind zweisprachig (Deutsch/Englisch) gestaltet und enthalten QR-Codes, die zu weiterführenden digitalen Inhalten führen. Stiftungsdirektor Karl Freller betont in seiner Ansprache: „Das Unrecht ist jetzt klar benannt. Die neuen Informationen hier vor Ort, an der Seite des symbolträchtigen Ehrenhain II, bieten gleichermaßen Aufklärung über die Verbrechen der NS-Justiz sowie einen Schutz gegen das Vergessen. Die 93 hier bestatteten Menschen wurden inhaftiert und ermordet. Viele von ihnen hatten gewagt, Widerstand gegen das Unterdrückungssystem zu leisten. Und noch über ihren Tod hinaus wurde ihnen Unrecht angetan, indem man ihnen und ihren Familien eine würdige Bestattung vorenthielt. Heute nennen wir ihre Namen, zeigen ihre Gesichter und machen die Informationen zu diesem Unrecht für jeden zugänglich, der diesen Friedhof besucht und Interesse zeigt. Aus diesem Grund ist auch diese Veranstaltung heute so wichtig. Wir danken allen für die konstruktive Zusammenarbeit, die das gesamte Projekt ermöglicht hat. Unser besonderer Dank geht an die Bayerische Staatskanzlei für die umfassende und großzügige Unterstützung heute.“
Unrechtsjustiz von 1933–1945
Der Friedhof am Perlacher Forst liegt unmittelbar hinter dem Strafgefängnis München-Stadelheim. Zwischen 1933 und 1945 war dieses Gefängnis Teil des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Unterdrückungsapparates. Mindestens 1.188 Menschen wurden hier nachweislich hingerichtet, beinahe ausnahmslos mit der Guillotine. Die Mehrheit war wegen „Heimtücke", „Hochverrat", „Sabotage" oder als „Volksschädlinge" zum Tode verurteilt worden. Viele von ihnen waren in Widerstandsgruppen organisiert oder hatten individuelle Akte des Widerstands geleistet – wobei schon geringfügige Taten zum Todesurteil führen konnten.
Eines der hier bestatteten Opfer ist Hans Konrad Leipelt (*1921 - † 29. Januar 1945), der - unterstützt durch seine Familie sowie 28 Freundinnen und Freunde - die Arbeit der ermordeten Mitglieder der Vereinigung Weiße Rose in München und Hamburg fortsetzte. Auch er starb durch die Guillotine. Fast alle seine Unterstützer wurden ermordet, seine jüdische Mutter nahm sich in Haft das Leben.
Bei „politischen Verbrechen" wurden seit 1939 auf Anordnung des Reichsjustizministeriums die Leichname der Hingerichteten nicht mehr den Angehörigen zur Bestattung übergeben. Sie wurden stattdessen den anatomischen Instituten der Münchner Universitäten überstellt, im Krematorium des Ostfriedhofs anonym eingeäschert oder in namenlosen Gräbern auf dem Friedhof am Perlacher Forst verscharrt.
Menschen aus verschiedenen Ländern
Der Ehrenhain II ist Teil eines größeren Ensembles von Gräber- und Gedenkanlagen auf dem Friedhof am Perlacher Forst, einem der zentralen Erinnerungsorte für Opfer nationalsozialistischer Gewalt in München. Er wurde 1954 auf Beschluss des Münchner Stadtrats errichtet, nachdem die sterblichen Überreste von 95 Männern, die zwischen 1942 und 1945 hingerichtet worden waren, hierher umgebettet wurden. Bei den Opfern handelt es sich größtenteils um politisch Verfolgte und Widerstandskämpfer aus mehreren europäischen Ländern, darunter dem ehemaligen Deutschen Reich, Österreich, Polen und insbesondere der damaligen Tschechoslowakei. Im Jahr 1996 wurde der Ehrenhain II durch die Stadt München neu gestaltet. „Die neuen Informationstafeln erinnern uns an die Gräueltaten des NS-Regimes und stehen somit für die bedeutende Funktion der Friedhöfe und solcher Gedenkstätten als Gedächtnis der Geschichte. Sie geben den Opfern ein Gesicht und machen die Menschen und ihre Schicksale sichtbar“, so Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek für die Landeshauptstadt München bei der Begrüßung der Gäste.
Schicksale in Wort und Bild: Opferbiografien
Zeitgleich mit der Einweihung schaltet die Stiftung Bayerische Gedenkstätten eine neue Website frei, die kontinuierlich erweitert werden soll. Dort werden gebündelt biografische Informationen und Fotografien von am Ehrenhain II bestatteten Opfern zugänglich gemacht. Die Grundlage hierfür bildet die umfangreiche Arbeit von Irene Stuiber, die im Auftrag der Landeshauptstadt München den Ehrenhain II und die Geschichten der hier bestatteten NS-Opfer 2004 erforscht hat. Ziel ist es, die individuellen Lebensgeschichten stärker in den Fokus der Erinnerung zu rücken und die internationale Zugänglichkeit zu verbessern. Das Archiv der Stiftung Bayerische Gedenkstätten nimmt hierfür gerne historisches Bildmaterial und Informationen zu Opferbiografien entgegen. „Der Ehrenhain II ist ein zentraler Ort der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Justiz. Mit den neuen Informationstafeln - und dem zusätzlichen digitalen Angebot - machen wir ihre Geschichten sichtbar und geben ihnen Namen, Gesichter und Biografien zurück. Erinnerung braucht Wissen – und sie braucht Zugänglichkeit", so Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, in seiner Ansprache.
Viele Nachkommen unter den Teilnehmenden
Der Einladung zur öffentlichen Veranstaltung sind zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Justiz und Gesellschaft gefolgt. Zudem reisen über 50 Nachkommen der Opfer zum Gedenken an; besonders stark vertreten sind Angehörige aus Tschechien. „Mit der Enthüllung der neuen Informationstafeln im Ehrenhain II wird heute in Würde das Andenken an die Opfer der nationalsozialistischen Justiz geehrt, darunter auch Bürger der damaligen Tschechoslowakei, deren Schicksale ein bleibender Teil unseres gemeinsamen Gedenkens sind. Wir sprechen der bayerischen Seite unseren Dank für die Umsetzung dieses Gedenkprojekts aus", so Dr. iur. Ivana Červenková, Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München.
Die internationale Zusammensetzung des Publikums unterstreicht bis heute die europäische Dimension der nationalsozialistischen Verfolgung.
Das Programm
Im Rahmen der Gedenkfeier sprechen mehrere Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Erinnerungskultur und Zivilgesellschaft: Die Leiterin des Gesundheitsreferats der Landeshauptstadt München, Beatrix Zurek, übernimmt die Begrüßung. Es folgen die Ansprachen von Dr. Winfried Brechmann, Amtschef im Bayerischen Staatsministerium der Justiz, sowie Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Als Nachkommen erinnern Helena Novotná, Urenkelin des ermordeten tschechischen Widerstandskämpfers Karel Hladeček, sowie Heidi Delbeck, Tochter des Widerstandskämpfers Karl Delbeck, der die Haft überlebte, an das geschehene Unrecht. Für die Gäste stehen Simultanübersetzungen in Deutsch, Englisch und Tschechisch zur Verfügung. Die Veranstaltung ist öffentlich zugänglich. Die musikalische Begleitung am Cello übernimmt Fany Kammerlander – Cello Solo.
Kranzgedenken
Im Anschluss an die Redebeiträge, moderiert von Dr. Jascha März, Leiter Wissenschaftliche Dienste und Archiv bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, sind alle Teilnehmenden zum Kranzgedenken für die Opfer eingeladen. Nach einer gemeinsamen Gedenkminute können rote Nelken am Ehrenhain II niedergelegt werden.
Fotomaterial steht im Nachgang der Veranstaltung zur kostenfreien Nutzung unter Angabe der Fotorechte HIER mit dem Zugangscode stbg_fotos! bereit.
Die Ansprache von Stiftungsdirektor Karl Freller kann unter cHJlc3NlQHN0YmcuYmF5ZXJuLmRl angefordert werden.
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