Historischer Moment in der Erinnerungsarbeit
Unterzeichnung des notariellen Vertrages über die Übernahme von Teilflächen des ehemaligen „Kräutergartens“ durch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten. V.l.n.r. Florian Hartmann, Oberbürgermeister Stadt Dachau, Dr. Felix Odersky, Notar, Karl Freller, Stiftungsdirektor. Foto: Stiftung Bayerische Gedenkstätten/Tobias Hase
Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten übernimmt den ehemaligen „Kräutergarten“ und schafft damit die Voraussetzungen für die Entwicklung des historischen Areals zum Erinnerungsort „Plantage“
Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und die Stadt Dachau unterzeichneten heute den notariellen Vertrag über die Übernahme von Teilflächen des ehemaligen „Kräutergartens“ durch die Stiftung. Damit kann das Areal künftig in die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Dachau einbezogen werden. Nach langjährigen Verhandlungen können nun die konkreten Vorbereitungen für die erinnerungskulturelle Erschließung als Erinnerungsort „Plantage“ beginnen.
„Mit dem Eigentumsübergang schaffen wir die Grundlage dafür, die Geschichte des ehemaligen sogenannten Kräutergartens künftig unmittelbar am historischen Ort zu vermitteln. Das Gelände steht beispielhaft für die Verbindung von NS-Herrschaft, Zwangsarbeit und wirtschaftlicher Ausbeutung. Diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist ein wichtiger Auftrag der Gedenkstättenarbeit“, kommentierte Stiftungsdirektor Karl Freller den Termin.
Er dankte dem Land Bayern, das mit dem Ministerratsbeschluss vom 12. Mai 2026 die Übernahme und ihre Finanzierung ermöglicht hat, sowie dem Bayerischen Amt für Denkmalpflege. Freller dankte zudem den Vertretern der Stadt Dachau und allen anderen Beteiligten für das zukunftsweisende Ergebnis der intensiven und langwierigen Verhandlungen. Nicht zuletzt dankte er den prominenten öffentlichen Unterstützern der Übertragung, Dr. Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern.
Die Vorsitzende des Stiftungsrats, Staatsministerin Anna Stolz, betonte: „Die notarielle Übertragung der Teilfläche der ehemaligen SS-Versuchsgüter an die Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist ein Meilenstein für die Erinnerungskultur in unserem Land. Dieser Bereich, der verharmlosend als ‚Kräutergarten‘ bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit von Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen geprägt. Wir sind es den Opfern schuldig, hier einen Ort der Mahnung, der Reflexion und der Vermittlung zu errichten – gerade in Zeiten, in denen sich Antisemitismus wieder offen in Deutschland zeigt, in denen Hass und Hetze zunehmen und in denen gleichzeitig die Stimmen der Zeitzeugen weniger werden. Nun schafft der Freistaat Bayern die Voraussetzungen dafür, dass der ‚Kräutergarten‘ als fester Bestandteil der KZ-Gedenkstätte Dachau auch für künftige Generationen erhalten bleibt.“
Der Oberbürgermeister der Stadt Dachau, Florian Hartmann, begrüßte den Eigentumsübertrag: „Heute ist ein bedeutender Tag für den Lern- und Gedenkort Dachau. Die Übertragung des sogenannten Kräutergarten-Areals an die Stiftung Bayerische Gedenkstätten macht den Weg frei für die Errichtung einer Gedenkstätte, die würdig an die dort zu Schwerstarbeit gezwungenen KZ-Häftlinge erinnert. Ich danke insbesondere Frau Dr. Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern für ihren unermüdlichen Einsatz. Als Teil der Stiftung kann das Areal nun zu einer würdigen Gedenkstätte gemacht werden.“
Ein Ort brutaler Zwangsarbeit
Die SS errichtete ab 1938/39 unmittelbar östlich des Häftlingslagers eine großflächige landwirtschaftliche Versuchs- und Produktionsanlage. Sie wurde von der SS-eigenen „Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung“ betrieben. Heil- und Gewürzpflanzen sollten angebaut, erforscht und für eine vermeintlich „deutsche Volksmedizin“ nutzbar gemacht werden. Die SS bezeichnete das Gelände beschönigend als „Kräutergarten“; die Häftlinge selbst nannten es – mit Bezug zur Sklavenarbeit – „Plantage“. Von 1939 bis 1945 mussten dort Tausende Gefangene oft unter schwersten Bedingungen auf den Feldern, in den Gewächshäusern und bei der Verarbeitung der Erzeugnisse Zwangsarbeit verrichten. Unterernährung, unzureichende Kleidung, Schikanen und Misshandlungen machten die Zwangsarbeit lebensgefährlich.
„Die vermeintliche Idylle eines Gartens hatte mit der Lebenswirklichkeit der Gefangenen nichts zu tun“, sagte die Leiterin der Gedenkstätte Dachau, Dr. Gabriele Hammermann. „Die erhaltenen Spuren erzählen von Zwangsarbeit, wirtschaftlichen Interessen der SS und einem System rücksichtsloser Ausbeutung. Diese Geschichte wollen wir künftig unmittelbar am historischen Ort vermitteln.“
Erhaltene Spuren und wissenschaftliche Grundlage
Auf dem Gelände sind unter anderem Relikte mehrerer lagerzeitlicher Gewächshäuser erhalten. Sie vermitteln einen Eindruck von der Dimension der SS-Versuchsgüter und zeigen, dass die Geschichte des Konzentrationslagers über das eigentliche Häftlingslager hinausreichte. Die historische Entwicklung des Areals wurde in zwei Studien von Dr. Anne Sudrow im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau umfassend untersucht. Die Arbeiten, die unter den Titeln „Heil Kräuter Kulturen“ und „Saat der Gewalt“ im Verlag Vandenhoeck & Rupert erschienen sind, bieten eine wichtige Grundlage für die künftige Erschließung.
Schritt für Schritt zum Erinnerungsort „Plantage"
Das Areal soll künftig unter Einbeziehung der historischen Bezeichnung durch die Häftlinge als Erinnerungsort „Plantage“ in die Gedenkstättenarbeit einbezogen werden. Es erweitert den Blick auf das ehemalige Konzentrationslager um einen Ort, an dem die Verbindung von SS-Herrschaft, Zwangsarbeit, Landwirtschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung besonders deutlich wird. In den kommenden Jahren soll dann das Gelände schrittweise für Besucherinnen und Besucher geöffnet werden: Vorgesehen sind unter anderem ein Rundweg und Informationsangebote zur Geschichte der „Plantage“. Dabei sollen die baulichen Relikte ebenso berücksichtigt werden wie die Perspektiven der KZ-Häftlinge.
Langjährige Unterstützung
Für die Einbeziehung dieses Ortes in die Gedenkstättenarbeit haben sich über viele Jahre auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Dr. h.c. mult. Charlotte Knobloch, und S.K.H. Herzog Franz von Bayern eingesetzt.
Dr. Charlotte Knobloch ist als 1932 in München geborene Überlebende der Schoa und langjährige Präsidentin der IKG eng mit der Geschichte jüdischen Lebens und der NS-Verfolgung in Bayern verbunden. Als Kind erlebte sie die Verhaftung ihres Vaters durch die Gestapo. Sie überlebte in einem Versteck in Franken. Ihr Vater war als Rechtsanwalt mit Schicksalen jüdischer Menschen konfrontiert, die ins KZ Dachau deportiert worden waren. „Ein Ort, an dem Menschen entrechtet und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, darf nicht hinter einer scheinbar harmlosen Bezeichnung verschwinden. Die Geschichte des ‚Kräutergartens‘ gehört zur Erinnerung an die Opfer des Konzentrationslagers Dachau. Dass dieser Ort nun in die Gedenkstättenarbeit einbezogen wird, begrüße ich sehr.“
Herzog Franz von Bayern wurde 1933 in München geboren. Als Kind wurde er 1944 gemeinsam mit seiner Familie wegen der ablehnenden Haltung der Wittelsbacher gegenüber dem NS-Regime als „Sonderhäftling“ über die Konzentrationslager Sachsenhausen und Flossenbürg nach Dachau verschleppt. Er überlebte die Haft und engagiert sich bis heute für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. „Die Geschichte des sogenannten Kräutergartens des KZ Dachau zeigt eindringlich, wie eng die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit der Ausbeutung von Menschen verbunden war. Wir begrüßen es sehr, dass die erhaltenen Spuren dieses Geschehens nun eine Zukunft als Ort der Erinnerung und des Lernens erhalten.“
Mit der Eigentumsübertragung beginnt nun ein neues Kapitel: Wo KZ-Häftlinge unter Zwang arbeiten mussten, soll künftig die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte Raum bekommen. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten leistet damit einen weiteren Beitrag zur dauerhaften Sicherung eines Zeitdenkmals und zur Vermittlung der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau.
