Stiftungsdirektor Karl Freller: „Wer die dunklen Seiten unserer Geschichte relativiert, schwächt die demokratische Erinnerungskultur.“
Stiftungsdirektor Karl Freller Foto: SBG / T. Hase
MÜNCHEN, 3. September 2026 – In der Stiftung Bayerische Gedenkstätten sieht man mit Sorge, dass die historisch-politische Bildungs- und Erinnerungsarbeit zunehmend zum Gegenstand partei-politischer Auseinandersetzungen wird. Aktueller Anlass ist ein Antrag der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, mit dem die bisherige Gedenkstätten-konzeption des Bundes durch eine „Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler und Erinnerungsorte“ ersetzt werden soll.
Laut einer Meldung des Deutschen Bundestags kritisiert die AfD, die bisherige Erinnerungskultur beziehe sich „fast ausschließlich auf die Tiefpunkte der deutschen Geschichte“, die mit den beiden totalitären Diktaturen auf deutschem Boden verbunden seien. Stattdessen sollten stärker die „vielen guten Seiten der deutschen Geschichte“ in den Vordergrund gerückt werden.
„Es ist gerade jetzt nicht die Zeit, die dunklen Kapitel unserer Geschichte in den Hintergrund zu rücken“, erklärt Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. „Im Gegenteil: Angesichts der politischen Entwicklungen in unserem Land und des Erstarkens von Kräften, die demokratische Grundwerte und historische Gewissheiten zunehmend in Frage stellen, ist die Auseinandersetzung mit Diktatur, Ausgrenzung, Verfolgung und Massenmord von besonderer Bedeutung. Historische Bildung darf nicht dazu dienen, einzelne Epochen gegeneinander auszuspielen oder die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ihren Folgen zu relativieren. Wer die dunklen Seiten unserer Geschichte relativiert, schwächt die demokratische Erinnerungskultur.“
Gedenkstätten wie die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg haben eine besondere Verantwortung: Sie machen die Dimension nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung an authentischen Orten sichtbar, bewahren die Erinnerung an die Opfer und ermöglichen die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen von Ausgrenzung, Entrechtung und Diktatur. „Gedenkstättenarbeit ist deshalb keine rückwärtsgewandte Beschäftigung mit Geschichte. Sie stellt Fragen an unsere Gegenwart: Wie konnte eine Demokratie zerstört werden? Wie wurden Menschen ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt? Und was können wir heute tun, damit sich solche Entwicklungen nicht wiederholen?“, erläutert Karl Freller.
Die Stiftung begrüßt zugleich die Weiterentwicklung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes. Die geplanten neuen Fördermöglichkeiten für den Erhalt historischer Orte, für Digitalisierung sowie für Vermittlung und anwendungsbezogene Forschung sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass Erinnerungskultur auch künftig unterschiedliche Generationen erreicht.
„Erinnerungskultur soll und muss sich weiterentwickeln – aber sie darf dabei ihren Kern nicht verlieren. Je größer die zeitliche Distanz zu den historischen Ereignissen, desto wichtiger wird die Arbeit der Gedenkstätten. Wir erleben eine Zeit, in der immer weniger Menschen eine persönliche oder familiäre Verbindung zu den Ereignissen der NS-Zeit haben. Gleichzeitig nehmen Versuche zu, historische Fakten umzudeuten, zu relativieren oder zu verfälschen. Dem müssen wir mit Wissen, Aufklärung und einer klaren Haltung entgegentreten. Eine demokratische Gesellschaft braucht Orte der Erinnerung. Und sie braucht die Bereitschaft, auch die dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte auszuhalten und daraus Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen,“ so Freller abschließend.
