Grazer Ernst Reiter überlebte KZ Flossenbürg – Berliner Mahnmal erinnert an verfolgte Zeugen Jehovas in der NS-Zeit

Das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas lenkt den Blick auf die wenig sichtbare Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung dieser Glaubensgemeinschaft. Der Grazer Ernst Reiter war im KZ Flossenbürg und konnte überleben.

Schwarz Weiß Fotografie eines jungen Mannes im Sakko und hellem Hemd. Der Mann blickt idrekti in die Kamera
Ernst Reiter nach der Befreiung, Mai 1945

Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas, Selters

München - 7. Juni 2026. Als Ernst Reiter aus Graz im November 1940 in das KZ Flossenbürg deportiert wurde, war er 25 Jahre alt. Er hatte den Wehrdienst verweigert, weil sein Glaube als Zeuge Jehovas es ihm nicht erlaubte, eine Waffe zu tragen. Die Gestapo nahm ihn deshalb wiederholt fest; nach Ende seiner Gefängnisstrafen wurde er nicht entlassen, sondern direkt ins Konzentrationslager eingeliefert. Dort musste er als Steinmetz und später in der Schreibstube Zwangsarbeit verrichten, überlebte Hunger, und mehrfache brutale Misshandlungen durch SS-Männer. Am 23. April 1945 wurde er auf einem Todesmarsch bei Cham in der Oberpfalz befreit.

Er kehrte nach Graz zurück, arbeitete als Handelsvertreter, gründete eine Familie und starb 2006 im Alter von 91 Jahren.

Reiters Geschichte steht stellvertretend für die von Tausenden Zeugen Jehovas, die im Nationalsozialismus wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.

Feierliche Einweihung des Mahnmals

Das Schicksal der Zeugen Jehovas stand im Mittelpunkt einer feierlichen Zeremonie, mit der am 24. Juni 2026 am Goldfischteich im Berliner Tiergarten ein neu errichtetes internationales Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas eingeweiht wurde. Die Einweihung bot Anlass zu stillem Gedenken, zur historischen Einordnung und zur öffentlichen Auseinandersetzung.

Das Mahnmal macht die oftmals wenig sichtbare Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung aufgrund religiöser Überzeugungen deutlich. Die zwölf Tonnen schwere Skulptur des Wuppertaler Künstlers Matthias Leeck stellt einen golden wirkenden Baum mit zerklüfteter Oberfläche dar. Sie verweist auf die Verletzungen und Narben, die den Zeugen Jehovas während der NS-Zeit zugefügt wurden, während der Baum selbst für die Unbeugsamkeit und den Widerstand der Glaubensgemeinschaft gegen die Diktatur steht. Der Standort ist bewusst gewählt: Am Goldfischteich traf sich die Glaubensgemeinschaft während der NS-Zeit heimlich. Hier kam es auch zu einer Verhaftungsaktion der Gestapo.

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

Insgesamt gehörten der bis 1931 als „Ernste Bibelforscher“ bezeichneten Glaubensgemeinschaft im damaligen Deutschen Reich rund 25.000 Menschen an. Bereits 1933 durch die nationalsozialistische Regierung verboten, hielten viele von ihnen dennoch an ihren Zusammenkünften und ihrer Missionstätigkeit fest. Aufgrund ihres Glaubens, ihrer Kriegsdienstverweigerung oder ihres beharrlichen Festhaltens an Gewissensentscheidungen, wie beispielsweise die Verweigerung des Hitlergrußes, erfuhren sie Stigmatisierung, Inhaftierung und Gewalt. Etwa 9.000 Mitglieder der Glaubensgemeinschaft wurden damals inhaftiert; viele kamen in Konzentrationslager, mindestens 1.000 starben.

Die sogenannten „Ernsten Bibelforscher“ in den KZ Dachau und Flossenbürg

An den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg in Bayern ist die Verfolgung der Zeugen Jehovas seit Jahren fester Bestandteil der Erinnerungsarbeit. In das KZ Dachau wurden bis Kriegsende nachweislich mindestens 500 Zeugen Jehovas eingeliefert; wie in allen Lagern mussten sie dort einen violetten Winkel an ihrer Häftlingskleidung tragen. Einer von ihnen war Max Eckert, ein Münchner Zeuge Jehovas, der im Juni 1937 in das KZ Dachau verschleppt wurde, nachdem er sich geweigert hatte, den Hitlergruß eines Arbeitskollegen zu erwidern, und sich vor dem Sondergericht offen zu seiner ablehnenden Haltung bekannt hatte. Eckert starb 1940 im KZ Mauthausen im Alter von 43 Jahren an den Folgen der Haft. Ihm zu Ehren wurde 2018 in der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Gedenktafel enthüllt.

Im KZ Flossenbürg, wo auch Ernst Reiter inhaftiert war, sind mindestens 85 Zeugen Jehovas als KZ-Häftlinge belegt; mindestens 18 von ihnen kamen dort oder auf den Todesmärschen ums Leben. 2023 wurde ihnen zu Ehren im „Tal des Todes“ der Gedenkstätte Flossenbürg eine Gedenktafel eingeweiht. Reiters Töchtertragen das Vermächtnis ihres Vaters bis heute weiter: Sie sprechen regelmäßig in Schulen über seinen Leidensweg und nehmen Jahr für Jahr an den Befreiungsfeierlichkeiten in Flossenbürg teil.

Beide Biografien stehen für Tausende Schicksale. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten würdigt das Andenken aller Opfergruppen und macht ihre Geschichten in der Öffentlichkeit sichtbar.