Stiftungsbericht 2020-2025
6 GRUSSWORTE Wir nehmen wahr, dass dasWissen über den Nationalsozialis- mus abnimmt. Die Gedenkstätte bietet auch aus diesem Grund vermehrt Halbtages- und Tagesseminare zur Reflexion und Vertiefung der Rundgänge an. Für eine gute Vor- und Nachbe- reitung des Besuchs ist es essenziell, den Erinnerungsort auch digital zugänglich zu machen. Durch virtuelle Rundgänge, digitale Archive und multimediale Dokumentationen wollen wir die Stimmen der Überlebenden bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Unsere Bildungsab- teilung hat in den letzten Jahren zahlreiche digitale Angebote entwickelt. Besonders hervorzuheben sind die multimediale Anwendung zur Topografie des Lagers, die Entwicklung eines AR-Rundgangs zur Befreiung des KZ Dachau zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk in den Jahren 2019/20, die Graphic Novel „Ein Überleben lang“ und der digitale Rundgang „Panora- men der Erinnerung“. Die Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau liegen nun schon einige Monate zurück. Sie waren geprägt von den hochbetagten Überlebenden und Veteranen, die das Lager am 29. April 1945 befreiten. Groß war in dieser Gedenkwoche das Interesse der Nachkommen der Häftlinge. So bot das erste „Internationale Forum der Nachkommen“ eine Plattform für Vernetzung, Dialog und das gemeinsame Engage- ment für die Erinnerungskultur. Auch die Nachfahren der Befreier zeigten tiefe Anteilnahme. Der 80. Jahrestag machte eindrucksvoll deutlich, wie wichtig die Arbeit der Gedenkstätte nach wie vor ist. Dachau, Oktober 2025 Dr. Gabriele Hammermann Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Sehr geehrte Damen und Herren, die vergangenen fünf Jahre in der KZ-Gedenkstätte Dachau zeigen einen internationalen Gedenkort imWandel. Ohne die Zeugen des NS-Terrors ist die Gedenkarbeit neu auszurichten. Mit der langfristig angelegten Neukonzeption weitet sich der Blick auf diesen Ort, der Friedhof, Lernort und zeithistorisches Museum zugleich ist. Herausforderungen bestehen hinsichtlich der baulichen und dinglichen Relikte, des Erhalts der Denkmale und Friedhofsanlagen sowie der umfangreichen Bestände des Archivs und der Sammlung. Auch die Bildungsarbeit geht neue Wege. Das alles geschieht vor dem Hintergrund der gravieren- den politischen Entwicklungen in Deutschland und weltweit: Liberale Demokratien stehen vermehrt auf dem Prüfstand, autoritäre politische Ideen und Parteien haben Zulauf, anti- semitisch aufgeladene Verschwörungstheorien prägen die gesellschaftlichen Diskurse. In dieser Situation werden Gedenk- stätten offen infrage gestellt. Sie müssen als Seismografen gesellschaftlicher und politischer Vorgänge auf diese Zustände reagieren, indem sie – ausgehend vom historischen Ort – Entwicklungen einordnen, Diskurse beeinflussen undWissen vermitteln. Derzeit steht die KZ-Gedenkstätte Dachau vor der Herausforde- rung, für die steigende Zahl von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt einen zukunftsfähigen Lern- und Gedenkort zu gestalten. In den Ausstellungen auf dem Gedenkstätten- gelände gilt es, neue Erkenntnisse der historischen Forschung, visuelle und digitale Darstellungsformen sowie Vermittlungs- strategien zu integrieren. Historische Bauten – wie die Lager- kommandantur – sollen in die Gedenkstätte mit dem Ziel ein- bezogen werden, neue Schwerpunktthemen wie das frühe Lager (1933– 1937) für die Erinnerungsarbeit zu erschließen. Ebenso soll der erhaltene Bereich der landwirtschaftlichen „SS-Versuchsgüter“ („Plantage“/„Kräutergarten“) Teil der Ge- denkstätte werden. Die Neuausrichtung beginnt ab 2026 mit der Umgestaltung der an den Appellplatz angrenzenden, in den Jahren 1964/65 rekonstruierten Baracken in ein Ausstellungs- und Bildungszentrum. Dr. Gabriele Hammermann Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau ©Viktor Jordan
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