Stiftungsbericht 2020-2025
220 REDEN | INSTITUTIONEN Institutionen Professur für Holocaust-Forschung eingerichtet. Eine Studie der Freien Universität Berlin und der Jewish Claims Conference hat gezeigt, dass an vielen Universitäten keine Vermittlung von Grundlagenwissen über die Geschichte des Holocaust statt- findet. Meine sehr geehrten Damen und Herren, jüdisches Leben in Deutschland ist definitiv nicht auf den Zeit- raum von 1933 bis 1945 beschränkt. Es handelt sich vielmehr um eine 1.700-jährige Geschichte, die in ihrer ganzen Breite in der Schule Raum finden sollte. Und sicherlich muss auch ein Überdruss verhindert werden, den Schüler entwickeln können, wenn sie zu oft und pädagogisch schlecht vermittelt mit der Shoa konfrontiert werden. Wenn Schulen jedoch die Auseinandersetzung mit der Shoa vernachlässigen, machen sie quasi Platz für Politiker, die den Schlussstrich ziehen und lieber die „ruhmreichen“ Kapitel der deutschen Geschichte ins Rampenlicht stellen wollen. Es sind Politiker, die gewählt werden, obwohl sie gegen Minderheiten hetzen, die Religionsfreiheit in Frage stellen und völkisches Denken verbreiten. Sie nutzen sowohl skrupel- los die Lücke, die durch das nicht vorhandeneWissen da ist, als auch den Überdruss, der entsteht, wenn junge Menschen den Eindruck bekommen, sie müssten sich schuldig fühlen für die deutsche Vergangenheit. Von den Rändern her fangen die Rechtspopulisten an, unsere demokratischen Errungen- schaften zu untergraben. Dieses Einfallstor müssen wir wieder schließen. Es gilt daher, durch eine gute Ausbildung unsere Lehrerinnen und Lehrer zu stärken. Und es braucht eine stärkere Förderung der Gedenkstätten. Die KZ-Gedenkstätten sind heutzutage genau mit jenen jun- gen Menschen konfrontiert, für die das damalige Geschehen sehr weit weg liegt. Und sie haben es zunehmend mit erwach- senen Besuchern zu tun, die die Verbrechen der Shoa in Frage stellen oder leugnen. Längst haben sich die Gedenkstätten darauf eingestellt. Sie schulen ihr Personal, sie arbeiten mit den sozialen Medien und modernen pädagogischen Methoden. Sehr viele Gedenk- stätten leisten hier vorbildliche Arbeit, für die wir, die jüdische Gemeinschaft, sehr dankbar sind. Dafür benötigen sie allerdings auch ausreichende finanzielle Mittel. Ich appelliere an Bund und Länder, an dieser Stelle nicht zu sparen. Gerade die authentischen Orte, an denen die Opfer im Zentrum stehen, erfüllen eine unersetzbare Rolle, um bei jungen Menschen Empathie zu erzeugen. Gerade diese Orte sind es, die das Geschehen wieder näher heranrücken. Und ich habe es oft erlebt:Wenn junge Menschen auch emo- tional erreicht werden, wenn sie berührt sind von den Erinne- rungen eines Zeitzeugen, von einem authentischen Ort – dann entsteht auch ein Verantwortungsgefühl. Ein Verantwortungsgefühl für das „Nie wieder“. Nie wieder dürfen Menschen verfolgt werden, nur weil sie bestimmte Merkmale erfüllen. Nie wieder darf die Menschenwürde so mit Füßen getreten werden. Meine verehrten Damen und Herren, viele Überlebende der Shoa haben damit gehadert, dass sie überlebt hatten, während ihre ganze Familie und ihre Mit- gefangenen umgekommen waren. Viele haben sich schuldig gefühlt. Einige sind daran so verzweifelt, dass sie sich Jahre nach dem Krieg umgebracht haben: Paul Celan, Jean Amery, Primo Levi. Viele Überlebende haben trotz dieser Schuldgefühle Zeugnis abgelegt. Sie hatten und haben das Gefühl, dass ihr Leid nicht sinnlos war, wenn aus der Geschichte Lehren gezogen werden. Wenn sie sehen, dass die nachfolgenden Generationen gelernt haben. Die Lehren an die jungen Generationen weiterzugeben, das schulden wir Menschen wie Frau Havránková und Frau Hackl. Wir schulden es den Millionen ermordeter Frauen, Männer und Kinder. Zum Schluss möchte ich daher einen Shoa-Überlebenden selbst zuWort kommen lassen: den Auschwitz-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger ElieWiesel sel. A., der leider 2016 verstorben ist. Bei der Gedenkfeier am 27. Januar 2000 sprach er sich im Deut- schen Bundestag für eine Holocaust-Erziehung aus und sagte:
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDM3NDQ=