Stiftungsbericht 2020-2025

©Bildarchiv Bayerischer Landtag / R. Poss Institutionen Meine sehr geehrten Damen und Herren, uns alle hat das Gespräch mit den beiden Zeitzeuginnen, das wir gerade gehört haben, sehr bewegt. Mir wird bei solchen Gesprächen immer wieder bewusst, wie kostbar die Erinne- rungen jener Menschen sind, die damals alles miterlebt und durchlitten haben. Daher möchte ich lhnen, sehr geehrte Frau Havránková, und lhnen, sehr geehrte Frau Hackl, ganz herzlich danken! Sie haben uns heute eindrücklich vor Augen geführt, was Men- schen anderen Menschen Böses antun können, was Menschen aushalten können, und auch: wie mutig ein Mensch Gutes tun kann, selbst wenn das eigene Leben dadurch gefährdet ist. lhre Lebensleistung erfüllt mich mit tiefem Respekt! Für alle nachgeborenen Generationen gilt: Diese Geschichte müssen sie kennen und aushalten. Nur wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialis- ten auseinanderzusetzen, kann auch jede Generation wieder daraus lernen.Wer hingegen feige wegschaut oder weghört, gibt leichtfertig und verantwortungslos die Chance auf, unsere Demokratie für die Zukunft zu sichern, ja, gerade auf diesem Fundament die Demokratie und unseren Rechtsstaat zu stär- ken. Denn wer den Abgrund von Auschwitz kennt, wird die Men- schenwürde nie leichtfertig aufs Spiel setzen! Im Judentum ist das Gedenken ein religiöses Gebot. Jenseits aller Gedenktage und Rituale ist die Shoa in allen jüdischen Familien präsent. Der israelische Schriftsteller Yishai Sarid hat kürzlich davon gesprochen, die Shoa sei „in unsere Seelen ein- gegraben“. Dies ist in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft jedoch nicht der Fall. Leider eher das Gegenteil. Ich habe den Eindruck, Dr. Josef Schuster Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus in Passau am 24. Januar 2020 dass immer mehr Menschen gerne einen Schlussstrich ziehen würden, um in ihrer Komfortzone zu bleiben. Oder um Adorno zu zitieren, der in seinem berühmten Aufsatz über die „Erziehung nach Auschwitz“ festhielt, dass „das Unge- heuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist (..., so) daß die Möglichkeit der Wiederholung (...) fortbesteht“. Das Ungeheuerliche ist nicht in die Menschen eingedrungen – was Adorno für seine Mitmenschen 1966 analysierte, ist aktueller denn je. Gerade angesichts der kleiner werdenden Zahl von Zeitzeugen halte ich daher Demokratieerziehung und Holocaust Educa- tion für unabdingbar! Die Shoa muss als einmaliges Menschheitsverbrechen ver- mittelt werden. Ein Verbrechen, das sich nicht nur in den Konzentrationslagern abspielte. Ein Verbrechen, das nicht von einer kleinen Clique namens Nazis verübt wurde, sondern in das die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung direkt oder indirekt involviert war. Dem Verbrechen zum Opfer fiel nicht eine anonyme Masse, sondern es waren Individuen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen. Wir stehen heute vor der schwierigen Aufgabe, diese Monstro- sität an junge Menschen zu vermitteln, für die das Geschehen so weit weg ist wie das Kaiserreich. Das bringt insbesondere für die Schulen eine immense Aufgabe mit sich. Doch wie steht es in unserem Land um die Lehreraus- und -fortbildung? Gibt es hier Schwerpunkte, um neue Erkenntnis- se der Holocaust-Forschung oder neue Entwicklungen in der Erinnerungskultur weiterzugeben? Wenn wir einen Blick in unsere Hochschulen werfen, sieht es leider ganz düster aus. Erst 2017, also 72 Jahre nach dem Ende des ZweitenWeltkriegs, wurde in Deutschland die erste INSTITUTIONEN | REDEN   219

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