Stiftungsbericht 2020-2025
216 REDEN | INSTITUTIONEN Institutionen niedrigste Stufe unter den Gefangenen dar. Manche von ihnen willigten in ihrer Verzweiflung in eine sogenannte „freiwillige Kastration“ ein, da sie hofften, danach aus dem Lager in die Freiheit entlassen zu werden. Die Inschrift auf vielen Gedenksteinen für die Opfer des Para- grafen 175 StGB „totgeschlagen – totgeschwiegen“ bringt den Umgang mit den homosexuellen Opfern ziemlich auf den Punkt – bis in die heutige Zeit, was mir erst jüngst bei Stolper- steinverlegungen durch Reaktionen von Angehörigen bewusst wurde. Dieser Umstand erklärt, warum gerade an die Opfer des Para- grafen 175 erst sehr spät erinnert wurde. Umso dankbarer ist die queere Community Nürnbergs für die problemlose Zu- sammenarbeit mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, dem Stiftungsrat und dem wissenschaftlichen Fachbeirat der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Es ist nun an der Zeit, diesen Männern ein würdiges Gedenken zu schaffen. Ein erster Besuch auf der Suche nach einem geeigneten Stand- ort und die Form des Gedenkens haben mir sehr bewusst gemacht, in welch lebensfeindlichem Umfeld die Häftlinge im KZ Flossenbürg gerade imWinter mit schlechter Kleidung ihre todbringende Arbeit zu verrichten hatten. Ich habe mich bewusst aus vielen Gründen gegen den harten Granit aus dem Steinbruch des KZ Flossenbürg entschieden. Mir war wichtig, einen Stein zu wählen mit einem warmen Farbton, der zudem feine filigrane Formen, lebendige Bearbei- tungen und eine klare Schrift zulässt, aber auch der harten Witterung hier in Flossenbürg standhält. MeineWahl fiel auf denWachenzeller Dolomit, ein Gestein, das mit ruhiger Zeichnung, aber auch deutlichen Poren so in- dividuell erscheint wie jedes der Opfer, an die der Gedenkstein erinnern soll. Mir ist wichtig, dass der Gedenkstein allein wirkt, ohne seine Schrift, die erst beim näheren Herantreten deutlich in Erschei- nung tritt und nicht das Denkmal überlädt. Mit sihrer schlich- ten Fassung in den Farben des Gesteins ist sie erkennbar, aber lädt auch zum Näherkommen, Verweilen und Nachdenken ein. Bei der Form des Gedenksteins waren mir zwei Dinge wichtig: Zum einen soll die Schwäche, die niedrige Rangordnung der Häftlinge im Lagerleben durch die filigrane Form dargestellt werden. Im Umfeld der umgebenden weiteren Gedenksteine wirkt er schwach und verletzlich, aber dennoch gerade und aufrichtig. Zum anderen war mir der Winkel wichtig, welcher in Flossen- bürg, anders als üblich, nur für kurze Zeit in Rosa verwendet wurde. Auch deshalb habe ich auf einen entsprechend farbi- gen Stein für Flossenbürg verzichtet. Formgebend für den Gedenkstein wählte ich den rosaWinkel – ein gleichseitiges Dreieck mit der Spitze nach unten, mit dem die Nazis ihre Opfer farbig markierten und kategorisierten. Für mich ist diese Form ein wichtiges inhaltliches Symbol, denn das Zeichen des einstigen Stigmas wurde später zum Element des entschlossenenWiderstands. Der rosaWinkel war, bis zu seiner Ablösung durch den Regen- bogen in den 1990ern, das Symbol der Schwulenbewegung, des Aufstands, zum Teil der AIDS-Aktivisten und letztendlich der Befreiung aus staatlicher Unterdrückung, Verfolgung und Erniedrigung. Dieser nötige Kraftakt, diese aufgebrachte Energie und Ent- schlossenheit hinter demWiderstand der Schwulenbewegung sollen uns in Form dieses Gedenksteins an die dunklen Zeiten für LSBTIQ*-Menschen erinnern. Ich danke allen Beteiligten, dass wir heute diesen Menschen nach Jahrzehnten des Schweigens ein würdiges Erinnern schaffen, und ich danke besonders dafür, dass ich meinen Teil dazu beitragen durfte.
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