Stiftungsbericht 2020-2025
INSTITUTIONEN | REDEN 213 ©KZ-Gedenkstätte Dachau / G. Hassel Institutionen Meine Damen und Herren, für das CID, das Internationale Dachau-Komitee, das mit dem Ziel der Einheit und des Friedens bei der Befreiung des Lagers vor 77 Jahren gegründet wurde, ist dieser Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers ein Ort der Besinnung und des Gedenkens. Kein Podium für politische Stellungnahmen. Es ist jedoch unmöglich, nicht zu reagieren und unser schmerz- liches Mitgefühl und unsere Fassungslosigkeit angesichts der Aggression gegen die Ukraine und der Verstöße gegen das Völkerrecht zum Ausdruck zu bringen. Es ist nicht meine Aufgabe, die zahlreichen und komplexen Ursachen dieses Krieges zu ergründen. Aber wenn er als bloße „Militäroperation“ bezeichnet wird und seine Rechtfertigung in der „Entnazifizierung“ eines Teils Europas besteht, ist es unsere Pflicht, gerade von diesem Platz aus, unsere tiefe Empö- rung zum Ausdruck zu bringen. Denn die Verwendung dieses Wortes ist eine unzulässige Verfälschung, eine unerträgliche Beleidigung aller Opfer des Nationalsozialismus und des KZ-Systems, dessen Stammhaus das Lager Dachau war. Die Überlebenden, die heute unter uns sind, sind hier, um Zeugnis abzulegen. Und die Realität ist, dass neben den Kriegs- gefangenen, von denen 4.000 bis 7.000 in Hebertshausen in- haftiert waren, auch Häftlinge ukrainischer Herkunft zusam- men mit Russen im KZ Dachau registriert wurden. Nach Schät- zungen der Archive der Gedenkstätte machten diese Häftlinge ukrainischer Herkunft 65 – 75 Prozent der 25.400 Häftlinge aus der Sowjetunion aus, die alle mit demselben „R“ auf ihrer gestreiften Kleidung gekennzeichnet waren. Erinnern wir uns an dieses gemeinsame Leiden, das gemeinsa- me Martyrium, den gemeinsamen Kampf gegen den National- sozialismus bis zu seiner Ausrottung. General Jean-Michel Thomas Präsident des Comité International de Dachau (CID) 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 1. Mai 2022 Der Ruf nach „Nie wieder“ und nach einem Ende der Kriege war eine tiefe Sehnsucht, die von den Überlebenden der Lager bei ihrer Befreiung herausgeschrien wurde. Trotz seiner unvoll- ständigen Fortschritte, wie man sieht, bleibt dieses Ziel immer aktuell und für die ganzeWelt unumgänglich. Die traurigen Ereignisse, die wir erleben, erinnern manche daran, dass der Friede ein prekäres, instabiles Gleichgewicht ist, das nicht ein für alle Mal erreicht wird, sondern unermüdlich angestrebt werden muss. Wie können wir in bescheidenem Maße dazu beitragen? Zunächst einmal durch die Suche nachWahrheit und Objekti- vität. Indem wir beispielsweise davon absehen, vorschnell Instrumentalisierungen und Vereinfachungen vorzunehmen, um eine einfache abweichende Meinung abzulehnen. Die „reductio ad hitlerum“, bei der die Argumente eines Gegners disqualifiziert werden, indem sie systematisch mit Adolf Hitler in Verbindung gebracht werden, ist üblich, aber unwürdig. Der Nationalsozialismus darf nicht bagatellisiert werden. In einem verwandten Bereich müssen auch unbe- dachte Qualifizierungen in Bezug auf Faschismen wie das Verschweigen von Totalitarismen verbannt werden. Vor allem aber gibt es eine Aufgabe, die uns alle angeht und an der wir uns beteiligen können. Es ist die vom Internationalen Dachau-Komitee initiierte Mission, die nun von der Gedenk- stätte Dachau und zahlreichen Vereinen und Gemeinschaften getragen wird. Über unsere gemeinsame Geschichte mit ihren zahlreichen ethnischen, religiösen, nationalen, wirtschaftlichen und sprachlichen Aspekten unermüdlich zu informieren, sie zu erklären und verständlich zu machen, ist eine Pflicht. Diese Pädagogik ist eine wesentliche Aufgabe, ein unverzichtbarer Schritt, der bei allen, bei Jugendlichen wie bei Besuchern aus der ganzenWelt, fortgesetzt werden muss, um beim Aufbau des Friedens zu helfen.
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