Stiftungsbericht 2020-2025

212   REDEN | INSTITUTIONEN 3. Des Weiteren werden wir eine moderne und wissenschaft- lich aktualisierte Hauptausstellung konzeptionieren. Die Aus- stellung wird das KZ-System als solches den Besucherinnen und Besuchern anschaulich erläutern. 4. Als der zentrale Ort für die Erinnerung an die Entwicklung des gesamten KZ-Systems soll die Kommandantur in die Wissensvermittlung am Ort eingebunden werden. Dadurch sind wir in der Lage, zukünftig das Thema „Täter“ an einem zentralen Ort für unsere Besucherinnen und Besucher aufbe- reiten zu können. 5. Zum sogenannten „Kräutergarten“ sind wir aktuell im Gespräch mit der Stadt Dachau und Oberbürgermeister Hart- mann.Wir wollen nach der geplanten Übernahme durch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten das Gelände rasch sichern und dann in das Gesamtkonzept der KZ-Gedenkstätte integrie- ren. An diesem Ort sollen die Besucherinnen und Besucher das System der grausamen Zwangsarbeit nachvollziehen können. Wir planen hier auch Plätze für persönlichen Rückzug und die Möglichkeit individueller Nachbetrachtung des Gesehenen – Orte stillen Gedenkens. Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Bedeutung, die Orten zukommt, die über die Grauen des Krieges aufklären, ist heute auf tragischeWeise größer denn je.Was lange als unvorstellbar galt, ist heute bittere Realität: In Europa findet 77 Jahre nach dem Ende des ZweitenWeltkrieges ein Angriffskrieg statt. Auch wenn sich dieser Angriffskrieg – ich betone dies – nicht gleichsetzen lässt mit der Singularität der Shoa, so erfüllen uns dennoch die täglichen Nachrichten und Bilder des Krieges mit Schrecken, Sorge undWut – aber gottlob auch mit Anteil- nahme und Hilfsbereitschaft. Die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager forderten 1945 nach ihrer Befreiung: „Nie wieder!“, „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus!". Dieses „NieWieder!“ – es steht wenige Meter von hier auch in Russisch geschrieben – warnt generell vor jedem Tun, das menschliches Miteinander zer- setzen kann: vor Ausgrenzen, vor Hass, vor Folter, vor Mord, vor Zerstörung, vor Krieg und Kriegsverbrechen – und natürlich auch vor Völkermord. Es ist gut und wichtig, dass in Deutschland, in unseren Nach- barländern und auf der ganzenWelt Kundgebungen und kon- krete Maßnahmen –Waffenlieferungen eingeschlossen – zur Solidarität mit der Ukraine stattfinden. Auch mit dem Blick der historischen Verantwortung unseres Landes sehen wir heute diesem Krieg nicht tatenlos zu. Das „Nie wieder!“ der Überlebenden haben wir als Auftrag angenommen. Dieser Ort hier zeigt, wohin Rassismus, Hass und Krieg führen können. Seine Zukunft ist wichtiger denn je. Denn es ist nicht nur unsere Pflicht, die Verbrechen und die Opfer nicht zu vergessen und die historischen Stätten zu er- halten, sondern den nächsten Generationen zu sagen: Nichts ist selbstverständlich – weder Demokratie noch Frieden. Beide brauchen auf Dauer wehrhaften Schutz! Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben die offiziellen Vertreter von Putins Regime nicht zu dieser Befreiungsfeier eingeladen. Umso mehr haben wir in diesen Tagen die Verpflichtung, besonders jener Menschen aus Russland, der Ukraine und allen damaligen Teilrepubliken der einstigen Sowjetunion zu gedenken, besonders auch der über 4.000 Ermordeten von Hebertshausen, die allesamt Opfer des deutschen Nationalsozialismus geworden sind und deren Erinnerung wir auf Dauer sichern werden. Gerade hier wird deutlich, wie schizophren es ist, dass einst die Rote Armee viele Konzentrationslager befreit hat und jetzt, 77 Jahre danach, einst befreite Häftlinge wie Boris Romanchenko in Charkiw von der Nachfolgearmee durch Raketenbeschuss getötet werden oder unter schlimmen Umständen krank werden und im hohen Alter wie Borys Sabarko nach Deutschland fliehen müssen. Lassen Sie mich nachdenklich schließen mit Zeilen aus dem Gedicht „Die Bitten der Kinder“ von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1951. „Die Häuser sollen nicht brennen. Bomber sollt man nicht kennen. Die Nacht soll für den Schlaf sein. Leben soll keine Straf sein. Die Mütter sollen nicht weinen. Keiner sollt töten einen. ….“* Vielen Dank! * Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, Suhrkamp, 1997 (neunte Auflage), S. 995 Institutionen

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