Stiftungsbericht 2020-2025
INSTITUTIONEN | REDEN 209 Wir wissen es nicht, was aus Dietrich Bonhoeffer geworden wäre, hätte er noch weiterleben dürfen. In seinem Fall hat der frühe Tod jedenfalls glücklicherweise nicht zur Vergessenheit geführt, so lange es nach dem Krieg auch gedauert hat, bis man in Kirche und Gesellschaft seine Bedeutung erkannt hat. Wie sehr Bonhoeffer Menschen bis heute inspiriert, zeigt das erstaunliche Echo, das seineWorte nach wie vor in der ganzen Welt finden.Wahrscheinlich – so hat ein Historiker festgestellt – „ist er der weltweit am meisten gelesene deutsche Theologie des 20. Jahrhunderts“. 2 Bonhoeffer hat aus seiner christlichen Überzeugung heraus immer wieder die Privatisierung von Religion und Moral, die wir auch heute kennen, kritisch in den Blick genommen.Wie der tiefeWiderspruch zwischen einer privaten Tugendhaftig- keit und der zugleich sichtbar werdenden mörderischen öf- fentlichen Energie in der Zeit des Dritten Reiches gerade auch bei so vielen Christinnen und Christen widerspruchslos hin- genommen, ja sogar teilweise noch befördert werden konnte, ist Ausdruck eines unfassbaren Versagens, das in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen eingeschrieben bleibt und bleiben muss. Umso bemerkenswerter ist die Klarheit, mit der Dietrich Bonhoeffer diese Problematik schon in den frühen 40er-Jahren benennt. In einer Passage in seiner Ethik schreibt er: „Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung er- reicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaf- tigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine pri- vate Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.“ 3 Dieses Bonhoeffer-Zitat zeigt in eindrucksvoller Weise, warum für ihn Theologie und Ethik immer öffentliche Theologie und Ethik sein muss, warum sie sich also auch in die Politik einmi- schen muss. Der prinzipielle Verzicht auf Öffentlichkeit ist not- wendigerweise mit einem Selbstbetrug verbunden. Jesus sagt im Lukasevangelium: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt [2].“ Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Dieses Doppelgebot der Liebe zeigt, dass es Selbstbetrug wäre, wenn Christen Unrecht hinnehmen würden, indem sie in der Öffentlichkeit schweigen.Wer die Untrennbarkeit von Gottes- liebe und Nächstenliebe wirklich ernstnimmt, kann gar nicht schweigen, wenn Humanität mit Füßen getreten wird.Wer wirklich fromm ist, wird sich immer fragen müssen, wo Men- schen, denen Unrecht geschieht, persönlich wie öffentlich auf Beistand angewiesen sind. „Was ihr den geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ – dieses berühmte Zitat Jesu aus Mt 25 reißt uns immer wieder von Neuem aus einer frommen Innerlichkeit heraus in die Bewährung des Glaubens mitten im Leben – und zwar im pri- vaten wie im öffentlichen Leben. Bonhoeffer selbst hatte schon früh genau so gehandelt. Im April 1933, nur wenige Tage nach dem ersten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, hielt Bonhoeffer einen Vortrag vor Pfar- rern in Berlin. In diesem Vortrag ruft er die Kirche zum Eintre- ten für die Bürgerrechte der Juden auf. Er beschreibt drei For- men, in denen die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat ausüben muss: 4 „erstens (...) die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, das heißt die Verantwortlichmachung des Staates. Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören ... Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ 5 Was dieseWorte für uns heute bedeuten, muss immer wieder neu diskutiert werden. Bonhoeffer selbst hat allerdings deut- liche Hinweise darauf gegeben, wie er selbst sie verstanden wissen wollte. In einem Brief an seinen Bruder Karl Friedrich vom 14. Januar 1935 sagt er: „Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit oder eigentlich Christus sei so etwas.“ Angesichts solcher Worte und des Engagements Bonhoeffers für Humanität ist der Missbrauch seiner Theologie durch die äußerste Rechte, insbesondere in den USA, aber auch in rechts- populistischen Kreisen hierzulande nur schwer zu ertragen. Seine Theologie steht in tiefemWiderspruch zu den Abwertun- gen ganzer Menschengruppen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion, die in diesen Kreisen immer wieder zum Aus- druck kommen.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDM3NDQ=