Stiftungsbericht 2020-2025

Institutionen 208   REDEN | INSTITUTIONEN ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Meine Damen und Herren, dass wir uns heute einmal mehr zu einem feierlichen Gedenk- akt anlässlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentra- tionslagers Flossenbürg versammeln, ist keine Routine.Wir brauchen solche öffentlichen Gedenkakte! Ich sage das auch gegen manche Stimmen, die Gedenkfeiern wie diese als er- starrte und wirkungslose Rituale sehen, die eher die Gewissen beruhigen als irgendwelche Konsequenzen zu haben. Natürlich müssen wir uns Gedanken machen, wie unsere Er- innerungskultur so gestaltet werden kann, dass sie die Men- schen heute auch wirklich erreicht. Und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist ein Musterbeispiel dafür, wie das täglich geschieht, nicht nur in der Nutzung moderner digitaler Mög- lichkeiten zur Vermittlung der Inhalte, sondern auch in der Aufnahme moderner Debatten und heutiger Fragestellungen, für die die Erinnerung an das Vergangene von besonderer Be- deutung ist, sowie in der besonderen Einbeziehung der jungen Generation. Aber neben diesen pädagogisch wertvollen Aktivitäten braucht es mit gleicher Dringlichkeit eine öffentlich sichtbare Erinne- rungskultur.Wir brauchen die kontinuierliche öffentliche Erinnerung an die unfassbare Missachtung der Humanität an diesem Ort hier in Flossenbürg wie an so vielen anderen Orten, weil nur ein bleibendes Erschrecken hilft, unseren inneren SeelenkräftenWiderstandskraft zu geben gegen heutige Ver- letzungen der Humanität. Nur eine öffentliche Erinnerungs- kultur kann nachhaltig dazu beitragen, dass auch eine öffent- liche Kultur der Humanität immer wieder neue Nahrung be- kommt. Wie wichtig das gerade heute ist, wird etwa an der Verrohung der Sprache deutlich, die durch die sozialen Internetmedien eine neue Dimension bekommen hat. Da die Algorithmen allein kommerzieller Logik folgen und extreme Inhalte im Netz mehr Werbeeinnahmen versprechen, bekommen menschliche Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 23. April 2023 Kälte, Hass und Menschenfeindlichkeit und die populistischen Bewegungen, die sich ihrer bedienen, einen immer größeren Raum. Nie zuvor seit den nationalsozialistischen Verbrechen war die Warnung so aktuell, die ein Zeuge dieser Verbrechen damals ausgesprochen hat: „Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes see- lisches Wesen […].Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keineWirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ 1 Das hat der 1960 verstorbene Literaturwissenschaftler und Autor Victor Klemperer formuliert, als er in seinemWerk die Sprache des „Dritten Reiches“ analysierte. Ich möchte am heutigen Tag an einen Menschen erinnern, der nicht nur früh auf das nationalsozialistische Unrecht und insbesondere auf das Unrecht gegenüber den Juden hinge- wiesen hat, sondern auch besonders deutlich die Bedeutung einer öffentlichen Theologie und Ethik herausgestellt hat. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer wurde zusammen mit anderen Mitgliedern des deutschenWiderstands hier in Flossenbürg wenigeWochen vor der Befreiung des KZ nach einem juristischen Schnellverfahren hingerichtet. Der Ort, an dem er am frühen Morgen des 9. April 1945 erhängt wurde, liegt nur wenige Meter von hier entfernt. Ich empfinde eine tiefe Trauer, das Gefühl eines schmerzlichen Verlustes, wenn ich mir die Frage stelle, was gewesen wäre, wenn die herannahenden alliierten Truppen schneller in Flos- senbürg gewesen wären. Und diese Frage könnte man auch im Hinblick auf alle anderen, die hier ermordet worden sind, stellen.Was für mutige, was für talentierte, was für mensch- lich kostbare Persönlichkeiten haben wir hier verloren! Jeder und jede einzelne ein kostbares Menschenkind, geschaffen zum Bilde Gottes. Jeder und jede einzelne ist es wert, dass wir uns heute – 78 Jahre später – zu ihrem Gedenken versammeln.

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