Stiftungsbericht 2020-2025
Auch diese Entwicklung lässt sich in Flossenbürg beispielhaft nachvollziehen. „Vom KZ zur Parkanlage“ lautete der Titel eines kritischen Berichtes über den Zustand der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Mitte der 1990er-Jahre. 10 Wiederentdeckung eines europäischen Erinnerungsortes „Vom vergessenen KZ zur Wiederentdeckung eines europäi- schen Erinnerungsortes“, so lassen sich die Etappen seitdem programmatisch beschreiben. Sie sollen hier nur schlaglichtar- tig benannt werden: die Präsenz der ehemaligen Häftlinge und ihrer Angehörigen seit dem 50. Jahrestag 1995, die Einrichtung eines zunächst etwas blumig-allgemein titulierten „Informa- tionszentrum für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg“ im Jahr 1996, die Rückübertragung des ehemaligen Appellplatzes 1997/98, die Einrichtung einer dauerhaften Forschungs- und Verwaltungsstelle 1999, die Eröffnung der neuen Daueraus- stellung zur Lagergeschichte in der früheren Lagerwäscherei 2007, die zweite Dauerausstellung zur Nachgeschichte des KZ Flossenbürg 2010, die Gründung eines Bildungszentrums im ehemaligen SS-Casino 2015, die gleichzeitige Etablierung eines inklusiv geführten Cafés, die Erweiterung der KZ-Gedenkstät- te als wissenschaftliche Forschungseinrichtung 2018 und die Gründung des Zentrums Erinnerungskultur zusammen mit der Universität Regensburg 2020 sowie die sukzessive, 2023 begonnene und bis heute andauernde Integration des ehe- maligen KZ-Steinbruches in die KZ-Gedenkstätte. Doch dies sind nur die Rahmendaten. Die genannten Etappen haben nicht nur in ihrer Konzepti- ons- und Realisierungsphase konsequent auf diskursive und partizipative Verfahren gesetzt. Sie zeigen in ihrer Konkretisie- rung und täglichen praktischen Aneignung eine neue – und notwendige – Haltung zum oft statisch verstandenen „Ge- denkstätten“-Begriff: Erinnerung als Aggregatzustand, der sich stets reflexiv hinterfragt, neue und vielfältige Perspektiven einnimmt und zulässt, sich beständig weiterentwickelt und sich damit natürlich auch angreifbar macht. Die Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg seit Ende der 1990er Jahre könnte im Vergleich zu anderen, bereits viel länger etablierten KZ-Gedenkstätten wie Dachau, Bergen-Bel- sen oder Buchenwald als eine nachholende Entwicklung be- schrieben werden. Sie ist aber viel mehr als das; sie ist ein sich selbst immer wieder in Frage stellender, kritisch reflektierter, ebenso zielgerichteter wie offener Prozess. Die Debatten, die an diesem und über diesen Ort geführt werden, sind ebenso fundiert wie bisweilen frustrierend. Sie sind ebenso angenehm wie anstrengend. Sie sind ebenso bereichernd wie bedeutsam. Und sie sind ebenso demokratisch wie demokratisierend. Etablierte Einrichtungen und Subventionsempfänger Dass sich die Entwicklung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in den letzten 25 Jahren wie eine Erfolgsgeschichte liest – wie die Entwicklung vieler vergleichbarer Einrichtungen in der Bundes- republik Deutschland auch –, ist nicht ausschließlich Grund zur Freude, sondern auch eine verkürzte und bisweilen problema- tische Sicht. Die Erinnerung an die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten musste gegen vieleWiderstände errungen werden. Sie ist weniger eine Erfolgs- als vielmehr eine Er- kenntnisgeschichte. Und dies nicht nur auf wissenschaftlicher und politischer, sondern auch auf allgemein menschlicher Ebene. Die Beschäftigung mit diesen Verbrechen ist ebenso herausfordernd wie die Arbeit mit den Menschen, die an solch einem Verbrechensort präsent sind – Angehörige, Besuchende, Nachbarinnen und Nachbarn –, beglückend sein kann. KZ-Ge- denkstätten sind Seismographen gesellschaftlicher Zustände. Hier sind gesellschaftliche Stimmungen und Gefühlslagen unmittelbar spürbar. Und es scheint wie ein Paradox, dass es Menschen an diese historischen Verbrechensorte treibt, um sich der Wertigkeit unserer Demokratie, ja unseres eigenen und eigentlichen Menschseins zu versichern. Der Blick in den Höllengrund kann dazu beitragen, das Bewusstsein für das Wesentliche zu schärfen und dessen Fragilität zu vergegen- wärtigen. KZ-Gedenkstätten als einer der zentralen Bestand- teile der bundesdeutschen Erinnerungskultur sind demokra- tische und demokratisierende Orte. Dies ist der alltäglich prak- tische Befund aus der Perspektive einer KZ-Gedenkstätte. Dass wir dies heute so resümieren können, ist Teil einer jahrzehnte- lang erkämpften und erarbeiteten Entwicklung. Es ist aber kein Grund zur Beruhigung, ganz im Gegenteil. Unsere Erinne- rungskultur folgt weder einem Masterplan noch irgendwel- chen DIN-Normen, wie es der Historiker Timothy Garton Ash einmal britisch-ironisch ausdrückte. 11 Erinnerungskultur ist fragil, und gerade ihre vermeintliche Etabliertheit macht sie angreifbar. Vor diesem Hintergrund ist unsere heutige Erinnerungskultur weder eine staatliche Erfolgsgeschichte noch gescheitert. Sie ist bedroht. Sie braucht viele Unterstützerinnen und Mitkämp- fer sowie besonders auch kritische Begleitung und innovative Geister. Ohne sie und die engagierte Arbeit so vieler in und mit den KZ-Gedenkstätten würde unsere Gesellschaft heute noch wesentlich brüchiger dastehen, so viel ist sicher. 206 REDEN | INSTITUTIONEN Institutionen
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