Stiftungsbericht 2020-2025

INSTITUTIONEN | REDEN   205 befreit von dem menschenverachtenden System der national- sozialistischen Gewaltherrschaft“, so vonWeizsäcker. 4 Aus heutiger Sicht klingt dieser Satz so selbstverständlich, ja fast banal, dass man die Zäsur, die er bedeutete, leicht über- sieht. Doch wir müssen uns die Mühe machen, uns die letzten 40 Jahre zu vergegenwärtigen, um beurteilen zu können, wo wir heute stehen. Und wir müssen auch die vier Jahrzehnte zuvor, die zwischen 1945 und 1985, betrachten. Flossenbürg, das vergessene Konzentrationslager Der exemplarische Blick nach Flossenbürg ist hierbei überaus erhellend. Zitat Jack Terry: „Die Befreiung war der traurigste Tag meines Lebens. Denn mir wurde bewusst, dass ich ganz alleine war. Ich war 15 Jahre alt, und mir wurde klar, dass meine Eltern und meine Geschwister tot waren. Ich war allein. Also wenn mich Leute fragen, wann ich befreit wurde, kann ich nur sagen, ich wurde niemals befreit. Das Lager wurde befreit, aber ein Mensch mit dieser Erfahrung ist niemals frei.“ (aus einem Interview mit Jack Terry in Flossenbürg, 1998) Im April 1985 war vom Gelände des ehemaligen Konzentra- tionslagers nur ein sehr kleiner Teil als Gedenkstätte ausge- wiesen. Auf den Fundamenten des Häftlingslagers und der SS-Baracken war ab Mitte der 1950er-Jahre eineWohnsiedlung errichtet worden, der Appellplatz mit der ehemaligen Lager- wäscherei sowie der Häftlingsküche wurde als Industrieareal genutzt und der frühere KZ-Steinbruch mitsamt den dort be- findlichenWerkhallen und Verwaltungsgebäuden zivil weiter- betrieben. Zwar hatte bereits sehr bald nach der Befreiung des Lagers ein polnisches Denkmalkomitee in den Jahren 1946/47 im sogenannten Tal des Todes mit dem Krematorium und den Aschehalden eine kreuzwegartige Erinnerungslandschaft ge- staltet und damit eine der ersten Gedenkstätten am Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers geschaffen. 5 Doch selbst bei der Erweiterung der Gedenkstätte um einen großen Ehren- friedhof für über 5.500 aus ganz Bayern nach Flossenbürg um- gebettete Todesmarschopfer zehn Jahre später wurde der noch sichtbare Charakter des ehemaligen Lagers durch seine waldfriedhofsähnliche Gestaltung bewusst nivelliert. Über das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg legte sich buch- stäblich Friedhofsruhe. Erst mit dem von der – für die bayeri- schen Gedenkstätten seit 1952 zuständigen – Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen geplanten Abriss des früheren Arrestbaus, dem Todesort von Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Hans Oster und etwa 1.500 an dieser Stelle Ermordeten, regte sich erstmals laut vernehmbarer öffent- licher Protest. Nach langen Diskussionen wurde der frühere Arrestbau in einem Fragment erhalten. Erinnerungspflege, sofern sie überhaupt stattfand, beschränk- te sich auf Totenehrung in einer kreuzwegartig gestalteten Gedenklandschaft, in einem gut eingewachsenen Friedhof und einem durch Bäume versteckten Hinrichtungshof im Überrest des ehemaligen Arrestbaus. Dort fanden Anfang April 1985 auch Gedenkfeiern an Dietrich Bonhoeffer,Wilhelm Canaris, Hans Oster und andere Angehörige der Widerstandsaktion vom 20. Juli 1944 statt.WenigeWochen später folgte eine kleine, lediglich von lokaler politischer Prominenz besuchte Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages der Befreiung des Kon- zentrationslagers. Ehemalige Häftlinge waren bei keiner der beiden Feiern anwesend. 6 Die 1980er-Jahre markierten den Höhepunkt des Vergessens und gleichzeitig den gesamtgesellschaftlichen Aufbruch zu einer kritischen und dauerhaften Aufarbeitung der national- sozialistischen Massenverbrechen. Überall entstanden Ge- schichtswerkstätten, eine neue Generation von Lehrerinnen und Lehrern veränderte den Schulalltag, vergessene Orte und vergessene Opfer wurden entdeckt, Zeitzeuginnen und Zeit- zeugen wurden gezielt aufgesucht. Dieser Aufbruch bekam ab den 1990er-Jahren durch die friedlichen Revolutionen in den sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas einen völlig neuen Rahmen. Hermetische staatliche Geschichtsbilder und -narrative gerieten ins Wanken, eine demokratische und demo- kratisierende Geschichtskultur wurde nun zu einer der zen- tralen Aufgaben von Politik und Gesellschaft. 7 Diese demokra- tische Geschichtskultur schloss selbstverständlich Deutungs- kämpfe und manifeste Interessenskonflikte mit ein. Das Ringen um die historische und politische Bewertung von staat- licher Verbrechensgeschichte vor bzw. nach 1945 war eine der wesentlichen Großdebatten der 1990er-Jahre. In diesen zeigte sich überdeutlich, dass die Erinnerung an die nationalsozialis- tischen Massenverbrechen bis dato völlig unzulänglich war – sowohl in der alten Bundesrepublik als auch in der ehemaligen DDR. 8 Was folgte, waren weitere gesellschaftliche, wissen- schaftliche und institutionellen Aufbrüche. Daraus wiederum resultierte die Einführung oder Neujustierung staatlicher Förderprogramme, welche es ermöglichen sollten, die Orte der Verbrechen zu demokratischen Orten des Forschens,Wissens und Lernens zu entwickeln, ohne die bisherige Gedenkfunktion aufzugeben. 9

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