Stiftungsbericht 2020-2025

©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber 204   REDEN | INSTITUTIONEN Institutionen Haben wir versagt? Ein Rückblick auf die deutsche Erinnerungskultur am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Vortrag in gekürzter Fassung zum Abdruck) Politische Gedenktage Im Jahr 2025 erinnern wir an den 80. Jahrestag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terror.Wir erinnern an den 80. Jahrestag des Kriegsendes in Europa.Wir erinnern an die Be- freiung der Konzentrationslager, beginnend mit dem 27. Januar, als Einheiten der Roten Armee das KZ Auschwitz erreichten, endend mit dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Nazi- Deutschlands am 8. Mai 1945. Das Frühjahr 2025 wird sich überreich an Gedenkfeiern und anderen Ritualen präsentieren. Es ist zu befürchten, dass sich das „Nie wieder!“ in gut gemein- ten Floskeln als Dauerschleife in sich endlos wiederholenden öffentlichen Äußerungen mehr und mehr abschleift und trotz aller ernsten Bemühungen nicht neu mit Sinn und Kraft auf- lädt, sondern ermattet abnutzt. „Wissen wir noch, was wir meinen, wenn wir ‚Nie wieder’ sagen?“, fragte Rachel Salaman- der im März 2022, wenige Tage nach dem Beginn des russi- schen Angriffskriegs auf die Ukraine anlässlich der Eröffnung des Zentrums Erinnerungskultur der Universität Regensburg. 1 Spätestens im Mai 2025 werden diese Fragen wieder aufkom- men und auch weitere:Wie viel Erinnerung und Mahnung braucht eine Gesellschaft? Wie viel Erinnerung ist ihr zumut- bar? Wann wird Erinnerung kontraproduktiv? Gibt es ein zu viel an Erinnerung? Und angesichts der politischenWeltlage und der immer größeren zeitlichen Distanz zum national- sozialistischen Deutschland stellen sich die folgenden Fragen noch viel grundsätzlicher: Ist die deutsche Erinnerungskultur gescheitert? Sind unsere Arbeit und unser Engagement sinnlos gewesen? Haben wir versagt? Diese Überlegungen sind nicht neu, schon in den 1980er-Jah- ren haben kritische Intellektuelle undWissenschaftler die Sinn- haftigkeit von Gedenktagen und ihren gegenwartspolitischen Gehalt in Frage gestellt. Dabei zielte ihre Kritik weniger auf die Prof. Dr. Jörg Skriebeleit Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Tagung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Vortrag: „Vom Geschichtsbuch zum Museum“ in München am 28. Juni 2024 zu diesem Zeitpunkt nur rudimentär ausgeprägte Erinnerung an die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands, sondern beklagt gerade deren weitgehende Absenz in dama- ligen (west-)deutschen Erinnerungsdiskursen und -praktiken. Der Tübinger Philosoph Ernst Bloch bemerkte dazu 1985, dass Gedenktage selten richtig fallen. 2 Und der Historiker Lutz Niethammer konstatierte etwa zeitgleich einen völligen „Fehl- schlag der politischen Feiertage in der Bundesrepublik“. 3 Nun haben sich in den mittlerweile 40 Jahren seit diesen Kritiken die globalen und nationalen politischen Koordinaten funda- mental verändert. Gesellschaftliche Diskursprozesse haben stattgefunden, politische Blöcke und Systeme sind zusammen- gebrochen, Länder haben sich vereinigt oder haben ihre Unab- hängigkeit erkämpft. Globale Krisen haben sich dynamisiert. Es lohnt ein Blick zurück in die 1980er-Jahre – und in die Jahr- zehnte davor und danach –, um den Blick auf das Gedenkjahr 2025 zu schärfen und um es vielleicht ein bisschen milder und hoffnungsvoller einzuordnen. Am Vorabend des Jahres 1985 war es in den politischen Institutionen der bundesdeutschen Hauptstadt Bonn noch völlig unklar, ob die Erinnerung an das Kriegsende am 8. Mai 1945 überhaupt zu begehen sei. Und falls doch, dann wie? Grundsatzdebatten wurden darüber geführt, ob dieser Tag des „Feierns“ wert sei. Ein stilles Gedenken wurde empfohlen, gerade auch angesichts eines neuen Höhepunktes der Blockkonfrontation, der zu einem „Rüstungs-Wettlauf“ zwischen den sozialistischenWarschauer-Pakt-Staaten und den NATO-Verbündeten führte.Was folgte, war eine Rede des Bundespräsidenten Richard vonWeizsäcker am 8. Mai 1985, die an Klarheit undWucht alles übertraf, was in den vier Jahr- zehnten zuvor von den höchsten Repräsentanten der Bundes- republik geäußert worden war. VonWeizsäckers Rede gilt bis heute als epochal und als Zäsur, weil sie deutsche Schuld glas- klar benannte und den 8. Mai als „Tag der Befreiung“, nicht der „Niederlage“, der „bedingungslosen Kapitulation“ oder des „Zusammenbruchs“ völlig zweifelsfrei rahmte und dimensio- nierte. „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle

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