Stiftungsbericht 2020-2025
202 REDEN | INSTITUTIONEN Versuchen, das Wissen um die singulären Verbrechen des Nationalsozialismus zur Disposition zu stellen.Wir sehen uns konfrontiert mit Desinformation, Fake News, Verharmlosun- gen, Hassrhetorik und manipulativen Bestrebungen, die Linien der Erinnerung wieder zu verschieben, Gedächtnislücken hinzunehmen und leicht und längst widerlegbares Un- und Falschwissen zu akzeptieren.Wir sehen uns konfrontiert mit inakzeptablen Aktionen, die unabdingbare Erinnerungsarbeit zu verunglimpfen und zu sabotieren. Unerträglicher Antisemi- tismus kriecht wieder und weiter in die Gesellschaft hinein, und antisemitische Gewalttaten und Anfeindungen gegen Jüdinnen und Juden nehmen insbesondere nach dem Terror- angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober vergangenen Jahres in erschreckender Weise zu. Rassismus, Nationalismus, Aus- grenzungsideologien, Diskriminierungen, Vorurteile bedrohen unsere vielfältige, bunte, tolerante Gesellschaft. Geschichtsre- visionismus beansprucht Wahrheitsrelevanz, und dumpf-igno- ranter Rechtspopulismus hallt durch Parlamentssäle und greift nach denWahlurnen. In diesen für die Zukunft unseres Gemeinwesens entscheiden- den Zeiten kommt der Erinnerungsarbeit essenzielle Bedeu- tung zu. Die gemeinsame Bewahrung des Wissens, die gemein- same Mehrung des Wissens und die gemeinsameWeitergabe und Teilhabe des Wissens um die Menschheitsverbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und um deren Auswir- kungen auf die nachfolgenden Generationen in Deutschland und anderswo dürfen nicht nachlassen.Wahrhaftes Wissen ist die Grundlage von gerechter Erinnerung – aus der Erinnerung ergeben sich Handlungswissen und Verantwortung für eine versöhnte Zukunft im Miteinander aller Generationen, Grup- pen, Hintergründe und Orientierungen in unserer Gesellschaft. Die Zeiten, in denen Universitäten Elfenbeintürme waren, sind längst und aus guten Gründen vorbei. Universitäten tragen gesellschaftliche Verantwortung – Verantwortung für die gro- ßen Herausforderungen und Zukunftsthemen unserer Zeit. In diesem Selbstverständnis ist die Universität Regensburg mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in eine Partnerschaft getreten, um ihren Beitrag zu leisten zu der so wichtigen Zu- kunftsaufgabe der Erinnerungsarbeit als Wissensarbeit. Erinnerungsarbeit steht in einer Einheit mit der Wissenschaft als Suche nachWahrheit und Erkenntnis auf der Achse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.Wissen undWahrheit sind sich gegenseitige Bedingung und gegenseitiges Ziel. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Universität Regensburg und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg spiegelt die Gemein- samkeit und Verbundenheit unser beider Überzeugungen, Aufgaben und Ziele. Universität und Gedenkstätte sind viel- fältige, weltoffene, transnational weithin vernetzte Gemein- schaften. Beide sind in spezifischer Weise an junge Menschen gerichtet und getragen und geprägt von Begegnungen über alle Grenzen hinweg. Mit unserem gemeinsamen Zentrum Erinnerungskultur ver- schränken wir dieWissens- und Lernorte Universität und Gedenkstätte persönlich, organisatorisch und in der konkreten Erinnerungs-,Wissens-, Kommunikations- und Begegnungs- arbeit. Gemeinsam folgen wir bewährtenWegen der Erinne- rungsarbeit – gemeinsam beschreiten wir neue Konstellatio- nen der Vergegenwärtigung und Zukunftssicherung des nur scheinbar Vergangenen: mit gemeinsamen Forschungs-, Lehr-, Medien-, Digitalisierungs-, Performance- oder Ausstellungspro- jekten, mit der Ausbildung unserer Studierenden zu künftigen Akteuren in der Erinnerungslandschaft im Studiengang Public History, mit der Ermöglichung innovativer und partizipato- rischer Erinnerungs- und Begegnungsformate im geplanten Memory Lab im ehemaligen DESt-Gebäude auf dem Stein- bruchgelände der Gedenkstätte und mit vielem anderen mehr. Diese einmalige Kooperation ist ganz vielen an der Universität Regensburg und mir selbst ganz persönlich ein besonderes Anliegen im Geiste des ebenso altehrwürdigen wie zukunfts- festen Selbstverständnisses der universitas als humanitas. Und wir sind sehr dankbar für die so gute, persönliche und mehr als freundschaftliche Zusammenarbeit von Flossenbürg nach Regensburg, von Regensburg nach Flossenbürg und in die Region und weit darüber hinaus. Historisch stehen wir vor dem unersetzlichen Verlust der unmittelbaren Begegnung mit der Erfahrungsgeneration der Zeitzeugen selbst, vor dem so schmerzlichen Vergehen der unmittelbaren Begegnung mit deren eigenem Erzählen und Bezeugen, mit deren eigener Bereitschaft zuWiderspruch und Unruhe und mit deren eigenem persönlichen Vorbild und Mut. Die Verantwortung für dieWeitergabe und Teilhabe am wahr- haften Erinnerungswissen um das, was mit so vielen und durch so viele geschah und nie wieder mit keinem Einzigen und durch keinen Einzigen geschehen darf, geht mehr denn je und mit viel Vertrauen der Ermordeten, Überlebenden und Angehörigen auf uns alle über, auf uns gemeinsam, persönlich, institutionell, gesellschaftlich – als Verpflichtung und Aufgabe, als Privileg und Chance. Institutionen
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