Stiftungsbericht 2020-2025
INSTITUTIONEN | REDEN 201 ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Institutionen Sehr geehrter Herr Professor Skriebeleit, lieber Jörg, sehr geehrter Herr Staatsminister Füracker, sehr geehrter Herr Abgeordneter und Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Freller, lieber Karl, sehr geehrter Youp Zwolschen und mit Ihnen sehr geehrte, liebe Überlebende und Angehörige, meine sehr geehrten Damen und Herren, in diesen Tagen vor 50 Jahren – in den Osterferien 1974 und damals 29 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg durch Truppen der US-Armee – nahm eine Ober- stufenschülergruppe eines westdeutschen Gymnasiums vom Rhein in der Nähe von Koblenz an einem internationalen Jugendbegegnungsprogramm mit einer Highschool im US- amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania teil. Dieses Erlebnis sollte allen Schülerinnen und Schülern in Erinnerung bleiben – von der ersten Erfahrung der Großstadtmetropole New York bis zum täglichen Leben in den Gastfamilien eines vielfältigen Einwanderungslands. Und auch für mich ist es so unvergess- lich, dass ich heute hier davon erzähle. Denn was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, ist eine Geschichtsstunde in dieser amerikanischen Schule vor fünfzig Jahren. In dieser Geschichtsstunde wurden uns, den amerika- nischen und deutschen Jugendlichen, gemeinsam Filme des U.S. Army Signal Corps von der Befreiung der nationalsozialis- tischen Konzentrationslager im Frühjahr 1945 gezeigt. So et- was kannten wir nicht, und solche Zeitdokumente oder auch Berichte von überlebenden Zeitzeugen hatten damals noch keinen wirklichen Eingang in bundesdeutsche Schulen gefun- den. DieWucht der Bilder, die Grausamkeit ihrer Inhalte und die Eindringlichkeit der Unterrichtsgespräche prallten in die- sem amerikanischen Klassenzimmer so weit weg von unserer deutschen Erfahrungswirklichkeit der frühen 1970er-Jahre unvermittelt und emotionsgeladen auf unser Unwissen. Ein Unwissen, das persönlich, gesellschaftlich und politisch be- dingt war. Ein Unwissen, dem in dieser Geschichtsstunde die Prof. Dr. Udo Hebel Präsident der Universität Regensburg 79. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 21. April 2024 Teilhabe anWissen und die Begegnung mit der Wahrheit ent- gegengesetzt wurden. Heute – 79 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg – stellt sich die Erinnerungs- undWissenssitua- tion in Deutschland in vielerlei Hinsicht anders dar und, so sage ich hoffnungsvoll, besser. Viele Menschen, Institutionen und Organisationen haben in den vergangenen Jahrzehnten Verantwortung für die Erinnerungskultur in Deutschland über- nommen. Viele Menschen, Institutionen und Organisationen sind dem Verschweigen und Verschleiern, dem aktiven und passiven Unwissen, dem individuellen und kollektiven Verges- sen und dem bequemen Nicht-Erinnern entgegengetreten. Mit viel Einsatz, Aufrichtigkeit und Überzeugung wurde eine in unserer Zivilgesellschaft verankerte Erinnerungslandschaft geschaffen. Dafür gilt allen höchste Anerkennung und größter Dank und besonders auch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, ihrem Leiter Jörg Skriebeleit und all' ihren wunderbaren Mitabeitenden sowie ihren Unterstützerinnen und Unterstützern in Politik und Gesellschaft. Und gedankt sei auch und vor allem – und von ganzem Herzen – allen Überlebenden und allen Angehö- rigen von Opfern des Nationalsozialismus, die nach und trotz alledem die Bürde und Aufgabe der Zeitzeugenschaft und der Zeugenschaft auf sich nahmen und nehmen.Wir sind dank- bar für die vielfach und vielfältig gelebte Erinnerungsarbeit, die Raum für Wissen, Begegnung und auch Emotionen bietet. Eine individuelle und kollektive Erinnerungsarbeit, die unbeug- sam für Gerechtigkeit, Verständigung und Vertrauen eintritt. Eine Erinnerungsarbeit, die unablässig für die Zukunftsfestig- keit der deutschen Erinnerungskultur kämpft. Und doch: Heute – ein Jahr vor der 80.Wiederkehr der Befrei- ung des Konzentrationslagers Flossenbürg – sehen wir die verantwortungsvolle, inklusive und zukunftsgerichtete Erin- nerungskultur in Deutschland konfrontiert mit gefährlichen
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