Stiftungsbericht 2020-2025

INSTITUTIONEN | REDEN   197 schwere und lebensgefährliche Arbeiten für den propagierten „Endsieg“ verrichten. In der letzten Kriegsphase entstanden so über 1.000 KZ-Außen- lager in unmittelbarer Nähe zu Rüstungsproduktionen und Baustellen für deren Untertageverlagerung. Aufgrund des teilweise provisorischen Charakters der KZ-Außenlager waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen mitunter schlechter als in den Konzentrationslagern. Viele der meist jüdischen Häftlinge starben durch die katastrophalen Zustände oder wurden direkt von denWachmannschaften ermordet. Der KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf war dabei ein besonders brutales Kapitel des NS-Terrors. Mehr als 8.000 KZ-Häftlinge mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen am Bau unterirdischer Rüstungsanlagen Zwangsarbeit verrichten – ein letzter verzweifelter Versuch des NS-Staates, den Krieg weiterzuführen. Am 25. April 1945 – der Krieg war für die Nationalsozialisten praktisch verloren, die US-Truppen standen kurz vor München – begann die SS mit der Räumung des KZ-Außenlagerkomplexes Mühldorf. Etwa 3.640 Häftlinge, ausgezehrt von Zwangsarbeit, Hunger und Misshandlungen, wurden in Güterwaggons ge- pfercht und auf einen Transport in Richtung Süden geschickt – auf einenWeg ohne Ziel, ohne Rücksicht, ohne Menschlichkeit. Überlebende nannten diese Transporte später bezeichnender- weise „Todeszüge“. Dieser Zug war nicht als Häftlingstransport gekennzeichnet. Alliierten Tieffliegern erschien er wie ein regulärer Nachschub- zug der Wehrmacht – und sie griffen ihn an. Viele Häftlinge starben schon während dieser Irrfahrt, nicht zuletzt auch durch Unterversorgung und Erschöpfung. Am 27. April 1945 kam dieser Todeszug durch Poing. Hier, an diesem Ort, geschah eines der letzten Massaker auf deutschem Boden. Eine Tieffliegerwarnung hatte den Zug gestoppt. DieWachen der SS öffneten auf Druck der Gefangenen zunächst dieWag- gons. Es war ein Moment der Hoffnung – der vielleicht wie Freiheit aussah, roch, sich anfühlte. Einzelne Häftlinge flohen, Bewacher desertierten. Doch diese Hoffnung war trügerisch. Schon wenig später trie- ben SS-Männer, Soldaten einer Luftwaffeneinheit und Zivilisten die entkräfteten Menschen zurück in den Zug. Und sie taten es mit brutaler Gewalt. Mindestens 50 KZ-Häftlinge wurden an diesem Tag erschos- sen, über 200 weitere verletzt. Und das alles nur zwei Tage vor der Befreiung durch US-ame- rikanische Truppen. Der Todeszug, der hier durch Poing führte, verbindet somit das Grauen von Mühldorf mit dem Grauen der Endphasever- brechen. In dieser Verbindung liegt auch eine bittereWahr- heit: Die Gewalt endete nicht mit dem Rückzug der Täter – sie kulminierte oft in letzten Akten der Vernichtung. Meine sehr geehrten Damen und Herren, nachdem es nach nun mehr als 80 Jahren seit Kriegsende kaum noch bauliche Überreste der KZ-Außenlager und der Todesmarschrouten gibt, sind es vor allem lokale Initiativen wie hier in Poing, die vergessene Opfer und verdrängte Ver- brechen wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen. Sie geben damit nicht nur einen lokalen Anknüpfungspunkt zur Geschichte, sondern machen das KZ-System als flächen- deckendes Verbrechen überhaupt erst erfahrbar. Die heutige Einweihung der zwei neuen Informationstafeln am hiesigen Gedenkort ist daher nicht einfach nur ein netter Zusatz. Nein! Dieses Angebot ist ein elementarer Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Hier und bei vergleichbaren Projek- ten werden Menschen unmittelbar über das regionale Kapitel der NS-Geschichte informiert und interessiert. Geschichte, die oftmals mit Auschwitz oder Dachau weit weg erscheinen mag, wird so erfahrbar. Einer der mehr als 8.000 Menschen, die im letzten Kriegsjahr in Mühldorf gefangen gehalten wurden, war Leslie Schwartz. Bei seiner Befreiung in Tutzing am 30. April 1945 war er gerade einmal 15 Jahre alt. Vor seinem Tod 2020 besuchte er regel- mäßig Schulen in ganz Deutschland, wo er von seinem Leben in Ungarn und der Deportation ins KZ Auschwitz berichtete. Auch hier in Poing. Den Schülerinnen und Schülern sagte er: „Ich muss Zeugnis ablegen, solange ich kann. Für die jungen Leute, aber auch für mich.“ Ohne Zeitzeugen wie Leslie Schwartz muss und wird sich unsere Erinnerungskultur verändern. Es ist daher in unserer

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