Stiftungsbericht 2020-2025

INSTITUTIONEN | REDEN   193 viel Sorgfalt und Hingabe für alle damit verbundenen Heraus- forderungen. So wie General André Delpech es beim 50. Jahres- tag tat, spricht das Internationale Dachau-Komitee der Stif- tung, der Gedenkstätte und ihren Mitarbeiterinnen und Mit- arbeitern seine tiefe Anerkennung aus – für all ihr bisheriges wie ihr zukünftiges Engagement im Namen von Freiheit und menschlicher Würde. Unsere Ambitionen gehen weiter: In den kommenden Jahren ist eine tiefgreifende, notwendige Neukonzeption der Gedenk- stätte geplant – ein bedeutendes und zukunftsweisendes Pro- jekt, von dem wir uns viel erhoffen. Dieses Projekt ist ein Zeichen der Beharrlichkeit im Dienst der Erinnerung und wird künftig ein herausragendes pädagogisches Werkzeug für kom- mende Generationen sein. Es stellt zudem eine unverzichtbare Antwort auf wachsende Strömungen des Geschichtsrevisionismus dar – auf Tendenzen, die das Vergangene relativieren, verdrängen oder uns gar raten, uns ausschließlich der Zukunft zu widmen, deren Entwicklung mit Sorge zu betrachten ist. Doch gerade die Zukunft vorzubereiten, ist das, was wir hier heute tun – öffentliche Institutionen, Gedenkstättenmitarbei- terinnen und -mitarbeiter, Erinnerungsgemeinschaften aus aller Welt – vereint im Geiste jener Werte, die uns die Überle- benden hinterlassen haben. Wir blicken nüchtern, aber stets kompromisslos auf die Ver- gangenheit – als Erfahrungsfeld, aus dem wir lernen müssen, um den richtigenWeg in die Zukunft zu finden. Und wir geben dieses Wissen auf bestmöglicheWeise an junge Menschen weiter, getragen von der Einsicht: „Nie wieder“. Im Geist der überlebenden Häftlinge – und sie selbst werden dies gleich noch besser ausdrücken als ich – bedeutet „Nie wieder“ nicht nur „Nie wieder Konzentrationslager“, „Nie wieder Todeslager“, „Nie wieder Völkermord“. Der Schwur, den die ehemaligen Häftlinge am 29. April 1955 auf dem Leitenberg bei Dachau ablegten, sprach ganz klar da- von: „Nie wieder soll ein Volk unterdrückt und angegriffen wer- den“, und ebenso von der „Annäherung der Völker in Frieden, um Sicherheit, Unabhängigkeit und Freiheit zu gewährleisten“. So offenbart sich dieser Schwur als ein machtvoller Aufruf für ein vereintes Europa und eine freieWelt. Doch seit 1945 reißen die Kriege nicht ab – mal größer, mal kleiner, wechseln sich friedliche Zeiten und bedrohliche Span- nungen ab. Es scheint fast, als hätte man die Schwelle des Schwurs so hoch gesetzt, dass alles darunter „erlaubt“ sei – und genau dort befinden wir uns heute: Rückkehr geopoli- tischer Machtblöcke mit territorialen und wirtschaftlichen Ambitionen, Grenzverletzungen, Propaganda und Desinforma- tion, Xenophobie, Antisemitismus, Fanatismus, soziale Gewalt, Prüfungen unserer Demokratien. Es ist, als kehrten all die Bedrohungen und Übel zurück, und doch formiert sich einWiderstand, dem wir ein gewisses Maß an Einheit und Engagement verdanken. Unsere heutige Versammlung ruft uns die wahre rote Linie in Erinnerung, die die Überlebenden gezogen haben: Sie liegt im täglichen Handeln, in der Achtung grundlegender Rechte, das heißt auch in der wahrhaften Erfüllung individueller Pflichten – getragen von einem humanistischen, solidarischen und tugendhaften Geist. Diese rote Linie zu überschreiten – sei es auch auf kleinster Ebene – hieße, das Andenken an die Opfer dieses Lagers und seiner Außenlager zu missachten, ebenso wie die Erinnerung an all jene Kämpfer, die für unsere Freiheit ihr Leben ließen. Die Kranzniederlegung, die wir in wenigen Minuten gemein- sam begehen werden, lädt Sie in diesem Jahr in neuer und symbolischer Form dazu ein, mit geeinter Haltung innezuhal- ten – und den wahren Sinn der Worte „Nie wieder“ zu verinner- lichen, die vor uns in Stein gemeißelt stehen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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