Stiftungsbericht 2020-2025

Politik und Gesellschaft 186   REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT Erzählungen über die Leidenszeit zu meinem Leben. Sie kamen von überall her: aus Litauen, aus Polen, aus der Ukraine, aus Ungarn, displaced persons, beherbergten diesen Rest der euro- päischen Judenheit, eine aus allenWinkeln Europas zusam- mengewürfelte Menschengruppe. Eines hatte sie jedoch alle gleichgemacht: Sie waren Juden und als solche im National- sozialismus nicht wert zu leben. Die Propaganda hatte bis zum einsetzenden industriellen Massenmord fast ein Jahrzehnt der Bevölkerung weisgemacht, dass Juden keine Menschen wären, um sie dann folgerichtig vernichten zu müssen. Heute hören wir, dass die Ukrainer Neonazis und Faschisten wären, die es gilt zu vernichten. Die tödliche Methode ist: Menschen ihr Menschsein abzusprechen, ihnen die Legitimität zu entziehen, um den Völkermord zu rechtfertigen. Hinter den Übriggebliebenen der Shoa lag der Weg vom Bür- ger bis zur weiter nicht mehr erniedrigbaren Kreatur. Sie lebten, waren aber für immer gezeichnet. „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das …. eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen. Dass der Mit- mensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken.“ (Jean Améry). Willkommen war er nicht, dieser Rest der Geretteten. Er ver- schärfte das sowieso schon vorhandene Katastrophenbild gi- gantischer Flüchtlingsströme. Nach der Kapitulation des deut- schen Reiches am 8. Mai 1945 befanden sich etwa zehn Millio- nen Nichtdeutsche auf dem Territorium des Altreiches. Dem deutschen Gewissen eine Pein, stellten sie für die Siegermäch- te ein schier unlösbares Problem dar.Was anfangen mit diesen nicht vorgesehenen jüdischen Leben, lebenden Mahnmalen für die verstrickten Deutschen? Es handelte sich um Träger vorher nie gekannter Erfahrungen. Jeder trug ein Stück Vernichtung in sich. Sie hatten nichts und niemanden mehr. IhreWelt war unwiderruflich zerstört. Sie waren displaced, ohne Ort, depla- ziert im Land der Täter, eine Last den Siegern. Einzig war ihre Verlassenheit zwischen 1933 und 1945, sich selbst überlassen waren sie auch nach der Befreiung. Keiner wollte sie haben, wieder schienen die Türen der friedlichenWelt verschlossen. „Acht Monate sind seit dem Tag der Befreiung vergangen.Wir haben das ekstatische Gefühl dieses wunderbaren Tages seit langem verloren ….Wir, die Asche, die Schlacke, der Bodensatz der Öfen des Krieges.Wer hat ein Interesse an Asche und wer wird einen Haufen Abfall aufnehmen? Also bleiben wir Bettler, verdorrt und grau, in Lumpen gekleidet, die pflichtschuldigst am Knochen der Freiheit nagen. Und dieWelt, die ordentliche, angenehmeWelt, wärmt sich am wohltuenden Frieden und erwartet, dass wir für diesen Knochen durchaus dankbar sind.“ So steht es am 22. Dezember 1945 in „Undzer Sztyme“, Zeitschrift der Scherit Hapleita im DP-Camp Bergen-Belsen, britische Zone. Sozial entwurzelt und politisch rechtlos, waren die Überleben- den abhängig von Hilfsorganisationen, ihre Ohnmacht war vorprogrammiert. „Wir sitzen noch immer in Lagern wie in einem luftleeren Raum ….Wir sind staatenlos, heimatlos.Was Europas Krematorien nicht verdaut haben, ist als ständiger Bis- sen im Rachen der internationalen Politik steckengeblieben“, schreibt Zalman Grinberg in „Dos freieWort“ (Feldafing 1946). Mit diesen Übriggebliebenen aufwachsend, wiegten mich ihr tägliches Weinen und das Aufzählen der Namen Toter in den Schlaf. Sie hatten geglaubt, die „Welt“ würde sie nach all den Exzessen mit offenen Armen aufnehmen. Elf Jahre nach Kriegsende existierte noch das letzte DP-Lager – quasi unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit, unweit von München. Derweilen erstand die deutsche Gesellschaft wieder auf aus den Ruinen, das deutscheWirtschaftswunder hatte sich in Be- wegung gesetzt. Mich bedrängten als Kind und Jugendliche immer die gleichen Fragen: Ob denn den Juden niemand geholfen habe? Wie konn- te eine Mitwelt dem Kollektivschicksal der Juden zusehen? Kein „Aufschrei des Gewissens“, wie der der „Weißen Rose“, die in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1943 Parolen an die Mauern der Universität und der umliegenden Gebäude schrieb, hatte ihre Zeitgenossen von einer Untat abhalten kön- nen. Die Münchner lasen am nächsten Morgen: „Nieder mit Hitler – Freiheit!“ Todesmutig wiederholten die Mitglieder der Weißen Rose ihre Aktion einige Tage später und bezahlten die Flugblattaktion in der Münchner Universität vom 18. Februar, just dem Tag, an dem Goebbels im Berliner Sportpalast ein frenetisches „Ja“ zum totalen Krieg entgegengeschrien wurde, mit ihrem Leben. Der Sportpalast: ein ikonografischer Ort diktatorischer Massenmanipulation.Welch ein Glück für die Nachgeborenen, dass es diese „Lichtpunkte“ (Karl Jaspers) der Weißen Rose gab. Warum haben die Alliierten damals nicht die Bahngleise von Auschwitz bombardiert? Wie viele Leben hätte man retten können! Wieder sehen wir, wie eingelebte Formen zivilisierten Umgangs von heute auf morgen einbrechen. Hannah Arendt sagte 1964 im berühmten Interview mit Günter Gaus: „Dieses

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