Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 185 ren“. Darin schildert sie ihr Weiterleben nach dem Überleben. „All jene, die Lager überstanden haben, leben in einer dunkle- ren Gegenwart als andere.“ Als Sechzigjährige ließ sie sich ihre KZ-Nummer chirurgisch entfernen. Doch die Spuren der Vernichtung beseitigen zu wollen, war eine Illusion. Vier Schicksale, zwei unterschiedliche nichtjüdische, zwei jü- dische. Die jüdischen konnten nicht – so, als wäre nichts geschehen – an ihr vorhergehendes Leben anknüpfen. Jack Hamesh kam wenigstens als Sieger in seine Heimat zurück, so wie die sogenannten Ritchie Boys. Im Januar feierte einer von ihnen, der Literaturwissenschaftler Guy Stern aus Hildesheim, seinen hundertsten Geburtstag. Von den Nazis verfolgt und vertrieben, kehrten diese jungen Emigranten aus Deutschland und Österreich in amerikanischer Uniform in ihre Heimat zu- rück. Sie arbeiteten für den US-Geheimdienst. In Camp Ritchie durchliefen sie ein rigoroses Trainingsprogramm, und nach dem D-Day im Juni 1944 wurden sie zu einer entscheidenden Waffe der Alliierten gegen das Hitler-Regime. Auch der Heidegger-Schüler und Philosoph des Prinzips Ver- antwortung, Hans Jonas, teilt das jüdische Los: Demütigung, Verfolgung, Ermordung – seine Mutter wird in Auschwitz ver- gast – oder Rettung durch Flucht, Emigration, Entwurzelung, Neuanfang in der Fremde mit fremder Sprache. Er teilt diese Erfahrung im Jerusalemer Exil zum Beispiel mit der in den Straßen herumirrenden Else Lasker-Schüler oder mit Gershom Scholem. Oder später in Amerika mit seiner geliebten Studien- freundin Hannah Arendt. Beim Abschied 1933 aus Deutschland hatte er sich geschworen, als Soldat einer siegreichen Armee zurückzukehren. Fünf Jahre kämpfte er in der britischen Armee, seit 1944 in der „Jüdischen Brigade“ gegen die Nazis, aber auch um seineWürde als Jude. Gleich den Kämpfern des Warschauer Ghettos, die den bevorstehenden Deportationen in die Vernich- tungslager entgegentraten und zu Pessach, am 19. April 1943, einen Aufstand gegen die Deutschen Besatzer begannen. Völlig unterbewaffnet lieferten sie den Deutschen wochen- lange erbitterte Kämpfe. Sie hielten den Nazideutschen länger stand als dieWehrmacht brauchte, um Polen einzunehmen. Dieses Jahr zu Pessach kämpft ein anderes Volk um sein Über- leben, um seine Freiheit. Pessach, die Exodusgeschichte, ist in der jüdischen Liturgie ein Freiheitsnarrativ, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Im GhettoWarschau wussten sie, dass es sich um einen ausweglosen Kampf handelte, doch sie wollten wenigstens mit der Waffe in der Hand sterben.Wenige konnten sich retten und sind für uns Nachgeborene Ikonen des Widerstandes. Die Zeit der Befreiung ist ein diffuses Geschehen, vielstimmig und mit all der Komplexität einer Umbruchzeit. Hitler hatte sich am 30. April das Leben genommen, bereits am 2. Mai kapi- tulierte die Reichshauptstadt, nachdem sich kurz vorher auch Goebbels durch Selbstmord der Verantwortung entzogen hat- te. Das „Tausendjährige Reich“ währte nur zwölf Jahre, hatte aber das Gesicht Deutschlands und Europas tief verändert. Seine Versprechen hatten sich ins Gegenteil verkehrt. Deutsch- land lag in Ruinen, weltweit forderte der Krieg Millionen Menschenleben. Für die Besiegten bedeutete die Kapitulation Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung, für fünf bis sechs Mil- lionen Juden kam sie zu spät, für die wenigen hunderttausend Überlebenden war sie Befreiung. Dieser „extreme Schicksalswechsel“ (Alexander Kluge) trägt wie jede Zeit ihre Vergangenheit und ihre Zukunft in sich. Die Einen stehen führerlos da und verharren im Alten. Andere brechen auf und suchen Zukunft. Ralph Giordano in Hamburg kriecht aus einem Erdloch voller Ratten. Cordelia Edvardson wird wie Primo Levi von russischen Truppen in Auschwitz be- freit. Dem Tode nahe bringt das Rote Kreuz Cordelia Edvard- son, die Tochter Elisabeth Langässers, nach Schweden. Vierzig Jahre ihres Lebens wird sie in psychotherapeutischer Behand- lung sein. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen, mit Rose Ausländer, Imre Kértesz, Nelly Sachs, Viktor Klemperer, Anita Lasker-Walfisch, Marcel Reich-Ranicki. Primo Levi überlebt aber genauso wenig wie Jean Améry das Überleben. Beide wählen den Freitod. Und obwohl die SS keine Spuren ihrer Verbrechen hinterlassen wollte, geben uns Selbstaussagen und vergra- bene Schriftstücke authentisch Auskunft von jenen, die wie Millionen andere den Tag der Befreiung nicht erleben durften. Nur diese seien genannt: Anne Frank, Etty Hillesum oder Adam Czerniakow. Sie haben dem Menschheitsgedächtnis den Geno- zid eingeschrieben. Nicht wenige, die es bis zur Befreiung schaffen, sind wie Inge- borg Bachmann in Jubelstimmung. Dem Verhungern nahe, gemartert wie Menschen nur sein können, Todesmärschen und der Nazi-Hölle entkommen, fehlt ihnen die Kraft, die Freiheit zu feiern. Filip Müller, vom Sonderkommando in Auschwitz, zu- ständig für die Krematorien, erinnert sich: „Dieser Augenblick, auf den sich meine Gedanken undWünsche drei Jahre lang fixiert hatten, löste weder Freude noch andere Gefühle in mir aus.“ Anderen ist ihr Neuanfang bald vergangen. Aufgewachsen in DP-Lagern, mit den Überlebenden der Shoa, gehören deren
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