Stiftungsbericht 2020-2025

Politik und Gesellschaft 184   REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber „Dunkle Gegenwart“ Es sind nur sechs handgeschriebene DIN-A4-Blätter: die Tage- bucheintragungen der 18-jährigen Ingeborg Bachmann vom Spätsommer 1944 bis zum Juni 1945. Das „Dritte Reich“ strau- chelt bereits, die Bombenangriffe der Alliierten sind massiv. In den Aufzeichnungen lernen wir eine junge Frau kennen, die, anders als ihr Klagenfurter und Kärtner Umfeld, keine Nazisse werden wollte. Mitten in der tiefsten Provinz der „Ostmark“ im Dreiländereck zu Slowenien und Italien, einer Hochburg der braunen Deutschtümelei, liest die Abiturientin Ingeborg Bachmann verbotene Literatur: Thomas Mann und Stefan Zweig, Schnitzler und Hofmannsthal. Und als der Krieg zu Ende ist, feiert sie in ansteckender Euphorie die Freiheit: „Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde – das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben. Vom Frieden merkt man nicht viel, sagen alle, aber für mich ist Frieden, Frieden! Die Leute sind alle so entsetz- lich dumm! Haben sie denn erwartet, dass nach einer solchen Katastrophe das Schlaraffenland von einem Tag zum andern ausbricht? Mein Gott, wer hätte vor ein paar Monaten denn überhaupt gedacht, dass man es auch nur überleben wird!“ Sie trifft auf einen Soldaten der Britischen Armee, Jack Ha- mesh. Er konnte, obwohl damals schon achtzehn, 1938 noch mit einem der Kindertransporte aus Wien nach England flüchten. Seine Eltern wurden, wie er schreibt, „in irgendeiner Gaskammer“ ermordet. Über Italien kommt er im Mai 1945 zurück nach Österreich, ins Kärntner Gailtal, wohin Ingeborg Bachmanns Mutter mit den drei Kindern umgezogen war, als die Bombardierungen Klagenfurts begannen. Nach der Kapitulation muß sich Ingeborg Bachmann im Büro der Field Security Section melden. Dort begegnet sie Jack Hamesh. Er ist nun Mitte zwanzig. Auf der Suche nach Nazis verhört er auch sie.Was für ein Zusammentreffen: Er, der Entkommene, der aber alles verloren hatte und allein zurück- geblieben war, und sie, die Tochter eines frühzeitig, 1932, in Rachel Salamander 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 24. April 2022 die NSDAP eingetretenenWehrmachtsoffiziers. Es stellt sich schnell heraus, daß sie trotzdem eines Geistes Kinder sind. 1946, kurz vor Ostern, wandert Jack Hamesh nach Palästina aus. Sie schreiben sich. Das Kriegstagebuch und diese Briefe sind ein einzigartiges Dokument der condition humaine. Nicht nur sind sie ein sehr frühes Zeugnis über das unmittelbare Zusammentreffen eines Naziopfers und einer aus dem Nazi- milieu. Die Aufzeichnungen zeigen auch eine bewundernswert entschlossene junge Frau, die im Nationalsozialismus schon wusste, was richtig und falsch ist und dass man mitnichten Nazi werden musste. Es gab Handlungsspielraum. Die Briefe von Jack Hamesh andererseits geben auf berührendsteWeise Auskunft über einen vollkommen Entwurzelten, der um einen Neuanfang in Palästina ringt. Beim Lesen von Bachmanns Tagebuch ist mir immer wieder eine Stelle aus Ruth Klügers Autobiographie „Weiter leben“ durch den Kopf gegangen. Da beschreibt Klüger, wie sie, gerade Auschwitz entronnen, mit der eingravierten Nummer am Unterarm in der Regensburger Universität neben einem Christian zu sitzen kommt. Ein Techtelmechtel entspinnt sich. Mit aller Kälte sieht er über ihre Nummer und damit über ihr Schicksal hinweg, mit keinemWort fragt er sie danach. Bei besagtem Christian handelte es sich um MartinWalser. Ingeborg Bachmann liefert das Gegenbild. Im Mai 1948 wird sie einem anderen Gezeichneten ihre Seele öffnen: dem Dich- ter Paul Celan. Beider Liebesgeschichte beginnt inWien und endet zehn Jahre später, 1958, in München. Ruth Klüger überlebte mit ihrer Mutter durch Zufall, wie sie schreibt. Alle, die überlebten, überlebten durch Zufall oder Glück. Jüdisches Leben hätte es planmäßig überhaupt nicht mehr geben dürfen. Ruth und ihrer Mutter gelang auf einem Todesmarsch die Flucht. Sie landeten in Straubing, und auch Ruth beschreibt die Zeit dort als eine glückliche. Dem zweiten Teil ihrer Autobiographie gibt sie den Titel „unterwegs verlo-

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