Stiftungsbericht 2020-2025

©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Politik und Gesellschaft Kurz vor Ende des ZweitenWeltkrieges wurde das KZ Flossen- bürg befreit – es waren nur noch etwa 1.500 Menschen dort; die meisten Opfer waren auf Todesmärschen durch Bayern unterwegs. Mit dem Ende des Krieges ging die Leidenszeit der Opfer endlich zu Ende. Der erste Gedanke gilt den Opfern, die hier in Flossenbürg oder in einem der fast 80 Außenlager geschunden wurden. Und ich betone:Wir gedenken auch der russischen Opfer, die ebenso wie all die anderen Menschen gequält und getötet wurden. Gerade in Flossenbürg selbst waren die Bedingungen beson- ders schlimm. Denn das Lager war geschaffen worden, um aus dem großen Granitvorkommen Baumaterial zu gewinnen. Das SS-Unternehmen Deutsche Stein- und Erdwerke ließ unter rücksichtsloser Ausbeutung der Gefangenen Granit fördern. Die ersten Häftlinge waren Opfer der Verhaftungsaktionen gegen sogenannte Kriminelle und Asoziale. Ende 1938 kom- men die ersten politischen Häftlinge dazu. Nach Kriegsbeginn entwickelt sich Flossenbürg zu einem KZ für Menschen aus allen besetzten Ländern Europas. 1940 wird der erste jüdische Häftling registriert. Die Bedingungen für die Menschen im Lager sind extrem hart. Viele verhungern, erfrieren und werden willkürlich ermordet. Die Gefangenen müssen bis zur Erschöpfung arbeiten; viele werden gedemütigt und zu Tode geschunden. Die Todesrate ist so hoch, dass bald ein eigenes Krematorium errichtet wird. Ich bin im November 1943 in Hersbruck geboren – dem Ort eines Außenlagers. Trotzdem hatte ich weder von den Eltern noch in der Schule von dem Lager etwas gehört. Die Leiden der Opfer und die Verbrechen der Täter wurden jahrzehntelang verschwiegen. Gott sei Dank ist dies Vergangenheit. Um den Gedenkort Flossenbürg hatte man sich erst später gekümmert – ab den 1990er-Jahren wird Flossenbürg zu einem Gedenk- und Lernort. Dr. Günther Beckstein Ministerpräsident des Freistaates Bayern a. D. 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 24. April 2022 77 Jahre nach der Befreiung sind wir in einer Umbruchssitua- tion: Es sind kaum mehr Zeitzeugen vorhanden, die berichten können, was an Furchtbarem ihnen angetan wurde. Es besteht die Gefahr, dass damit die Konzentrationslager, die Ermordung von Millionen von Juden, die Vernichtung von Sinti und Roma, aber auch das Leid all der übrigen Gefangenen zum bloßen Teil der Geschichte werden. Es ist mir deshalb wichtig, dass Flossenbürg zum Lernort und Bildungszentrum weiter entwickelt wird. Ich unterstütze auch die Forderung des Zen- tralrates der Juden, dass ein Besuch in einer KZ-Gedenkstätte Teil des Lehrplanes wird, allerdings muß dies in der Didaktik ganz besonders sorgfältig vorbereitet und durchgeführt wer- den. Auf der anderen Seite ist Gott sei Dank wieder jüdisches Leben in Deutschland zuhause. Die Zuwanderung russischer Juden hat die jüdischen Gemeinden wieder lebensfähig gemacht. Dass viele jüdische Gemeinden jetzt ukrainische Flüchtlinge aufgenommen haben, ist ein Zeichen der Hoffnung. Nachdem in den beiden zurückliegenden Pandemiejahren die Feierlichkeiten für die Befreiung des KZ hatten ausfallen müssen, ist es heuer wiederum eine ganz besondere Situation, in der diese Veranstaltung stattfindet: Dass Putin den Befehl gegeben hat, die Ukraine zu überfallen, hat wiederum zu einer Wende in der Geschichte Deutschlands geführt – die Zeit der Friedensdividende nach dem Zusammen- bruch der kommunistischen Diktaturen im Osten ist vorbei. Bei mir haben die furchtbaren Bilder von den Zerstörungen in ukrainischen Städten Erinnerungen an das zerstörte Nürnberg geweckt. Berichte über Gräueltaten und Kriegsverbrechen lassen mich erschauern. Dennoch warne ich davor, die Situa- tion Putin-Russlands mit Hitler-Deutschland zu vergleichen: Die quasi industriell geplante Vernichtungsmaschinerie in den KZ darf in der historischen Einmaligkeit nicht durch – 182   REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT

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