Stiftungsbericht 2020-2025
180 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT Politik und Gesellschaft gezeichnet von dieser Erfahrung. Kein Überlebender muss sich erinnern. Die Erinnerung ist ihm eingebrannt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ein Überlebender wird sich viel- mehr, wie Jack Terry, fragen, wie oft er die Geschichte des sinn- losen Sterbens seiner Mutter und seiner Schwester erinnern und erzählen kann, ohne selbst daran Schaden zu nehmen. Und Jack Terry wusste, wovon er sprach, als er Jörg Skriebeleit diese Gedanken anvertraute. Er ist, wie Sie vermutlich alle wis- sen, Arzt und Psychoanalytiker. Als die Erinnerung drohte, ihn in Besitz zu nehmen, als ihn eine Szene auf dem Appell-Platz in Flossenbürg nicht mehr loslassen wollte und er immer wieder sah, wie Häftlinge ihrem sterbenden Mithäftling ein Stück Brot abzunehmen versuchten, entschloss er sich zu diesem zweiten Berufsweg, er studierte Medizin und wurde Psychoanalytiker. Er wollte versuchen zu verstehen, zu verstehen, wie und war- um Menschen ihre Mitmenschen herabwürdigen und zu Tode quälen. Ich glaube, genau das ist auch unsere Verantwortung, um ge- nau diese Art des Umgangs mit der Vergangenheit sollte es uns gehen.Wir müssen verstehen wollen, was geschehen ist. Wie viel klüger wären wir heute, wenn wir über Andrij Yus- henko, den Vater des späteren ukrainischen Präsidenten Viktor Yushenko, der in Flossenbürg inhaftiert war, eben so viel wüssten und erfahren hätten wie über Jack Terry? Wir müssen verstehen wollen. Und wir müssen uns von der Erkenntnis, die wir daraus gewinnen, leiten lassen. Das ist schwer, weil, was geschehen ist, eine schwer zu ertra- gende Erkenntnis über uns selbst bereithält. Es ist die Erkennt- nis, dass Mensch und Bestie nicht voneinander zu trennen sind. Die Bestie hatte in den nationalsozialistischen Konzentra- tionslagern nicht menschliche Gestalt angenommen, sie lauert im Menschen, sie lauert in uns. Damals wie heute ist sie eine menschliche Möglichkeit. Ich glaube, das ist es, was wir verstehen und womit wir leben müssen. Diese Erkenntnis muss uns leiten, als denkende und mehr noch als handelnde Menschen. Darin besteht unsere Ver- antwortung. Denn nur diese Erkenntnis lässt uns dieWarnung Primo Levis begreifen: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Mit der Erinnerung der Überlebenden umzugehen, heißt, ver- stehen zu wollen. Und ich glaube, es gibt mehr als eine Form der Erinnerung, mehr als eine Form der Bildungs- und Vermitt- lungsarbeit. Die Gedenkstätte Flossenbürg steht mit ihrem Leiter Jörg Skriebeleit für eine Entwicklung, die uns immer neue Formen der Erinnerungsarbeit, immer neue Formen der Kooperation zeigt und anbietet.Wir brauchen diese Koopera- tionen, mit der Universität Regensburg, dem 7 th Army Trainig Command der U. S. Army, mit dem Staatlichen Museum Ausch- witz-Birkenau, mit der Audi AG oder den Arolsen Archives. Denn je länger das Geschehene zurückliegt, desto dringender sind wir angewiesen auf die Grundlagen historischenWissens, die konkrete Anknüpfung an Geschehenes und neue Formen und Formate der Darbietung. Denn wir erinnern uns nicht an etwas, das wir selbst erfahren haben. Mit jedem Überlebenden, der nicht mehr zu uns spre- chen kann, wird dieses Verstehen wollen schwerer und unsere Verantwortung größer. Die Erinnerung nur zu beschwören, wird uns nicht helfen. Und die Überlebenden der nationalso- zialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager werden nicht ewig als Cherubine vor dem Tor unseres demokratischen und rechtsstaatlichen Paradieses Wache stehen. Ich sage das gerade nicht, weil ich diese Verantwortung für eine untragbare Bürde halte.Wir müssen sie nicht scheuen. Sie war und ist die Bedingung unserer Freiheit, unserer Befreiung. Ich sehe gerade hier, in Flossenbürg, dass sich die Erinnerung, die wir meinen, am Ende gegen alleWiderstände, gegen das Vergessen behauptet hat. Ich glaube, sie hat sich behauptet, weil das Verdrängen und Vergessen unfrei macht, weil es uns dazu verurteilt, dieselben Fehler wieder und wieder zu be- gehen.Wir können und sollten denen, die Vergessen – aus durchsichtigen Motiven – für die bessere Option halten, mutig und selbstbewusst entgegentreten. Sich erinnern zu wollen, verstehen zu wollen, als denkende und handelnde Menschen, gehört zu unserer Freiheit. Diese Freiheit haben wir vor 77 Jahren wiedererlangt. Die Alli- ierten haben Sie, die Überlebenden, von Ihren Peinigern befreit. Sie haben Europa von der mörderischen Nazi-Diktatur befreit und den Nachkriegsgesellschaften des Westens die Möglich- keit eröffnet, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Sie zu bewahren, das ist unsere Verantwortung. Freiheit ist die Bedingung unseres Denkens und Handelns. Und wenn wir sie nicht nur als Freiheit des Individuums von Zwang und Fremdherrschaft verstehen, sondern als Freiheit, von der alle Mitglieder einer Gesellschaft Gebrauch machen können,
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