Stiftungsbericht 2020-2025

POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN   179 ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Politik und Gesellschaft Auf einer Fotografie, aufgenommen wenige Tage nach der Befreiung des KZ Flossenbürg, sieht man zwei GIs, Angehörige des U. S. Army Signal Corps, im Schnee vor dem Eingang der Kommandantur des Lagers stehen. Am Zaun daneben hängt ein Transparent, ein Bettlaken, darauf steht, handgemalt: „Prisoners Happy End! Welcome!“ Die Befreiten dankten ihren Befreiern. Liebe Überlebende, lieber LeonWeintraub, lieber Shelomo Selinger, lieber Josef Salomonovic, lieber Martin Hecht, lieber Erwin Farkas, lieber Herzog Max in Bayern, meine Damen und Herren, ich bin gekommen, um den Befreiten und ihren Befreiern zu danken, vor allem aber Ihnen, den Überlebenden des KZ Flos- senbürg! Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie denWeg hier- her, denWeg zurück, auf sich genommen haben, ihn immer wieder auf sich nehmen, um mit uns der Toten zu gedenken, Zehntausender sinnlos hingemordeter Häftlinge, Männer und Frauen, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Angehörige der Zeugen Jehovas, Menschen mit der Zuschreibung der sogenannten Asoziale und Berufsverbrecher sowie politische Häftlinge. 100.000 Menschen aus 47 Nationen wurden hierher verschleppt, um Zwangsarbeit zu verrichten, Arbeitskraft, die eine Kriegswirtschaft am Laufen hielt. Mindestens 30.000 wurden nach dem Stand der Forschung hier ermordet. Befreit wurden am 23. April 1945 nur 1.500 Häftlinge, die anderen waren zuvor auf Todesmärsche durch Tschechien und Bayern geschickt worden. Wir haben in diesen Tagen, in denen sich die Befreiung von Flossenbürg zum 77. Mal jährt und in denen Europa wieder, wieder darauf hoffen muss, dass ein Krieg zu Ende geht, dass Terror, Angst und Geiselhaft in der Ukraine enden, Anlass über Claudia Roth, MdB Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 24. April 2022 die Bedeutung des Wortes Befreiung nachzudenken, vor allem aber über denWert der Freiheit und ihre Bedingungen. Ich habe mich gefragt, ob der 23. April 1945 ein glücklicher Tag war für die Überlebenden von Flossenbürg. Beim Betrachten der Fotografie, des Transparents „Prisoners Happy End“ ertapp- te ich mich bei dem Gedanken:Was für ein trüber Tag! Waren die Tage im April 1945 keine hellen Frühlingstage? Jakub Szabmacher, der sich später Jack Terry nannte und den Sie alle gut kennen, schrieb über diesen Tag in Flossenbürg, für ihn sei es der traurigste Tag gewesen. Zum ersten Mal habe er an etwas Anderes denken können als nur daran, etwas zu essen zu bekommen. Er dachte an seine Schwestern, seinen Bruder, seine ganze Familie. Niemand hatte überlebt, sie waren alle ermordet worden. Für Jack Terry bedeutete das: Er gehörte zu niemandem, und niemand gehörte zu ihm. Seine Erfahrung war die vieler Überlebender, und doch ist es eine kaum mitteilbare, einsame Erfahrung. Die einsame Erfahrung eines Weltendes. Das zu verstehen, bedeutet für uns, die wir diese Erfahrung nicht machen mussten, zu begreifen, dass es einen nicht mit- teilbaren Rest gibt, eine Erschütterung, die nicht mitzuteilen und nicht zu heilen ist. Das Glück des Überlebens bedeutete, mit dieser Erfahrung allein zu bleiben, weiterleben zu müssen. Wir anderen, die Nachgeborenen, sprechen von der Verantwor- tung, die uns aus dieser Erfahrung erwächst.Wir wollen an sie erinnern, an die Menschen, die dieses Leid erfahren mussten. Doch was meinen wir, wenn wir von Erinnerung, ja, von Erinne- rungskultur sprechen und einander schwören, was geschehen ist, dürfe „nie wieder“ geschehen? Erinnern ist ein sehr persönliches, an die eigene Biografie ge- bundenes Wiedererleben von Erfahrungen. Die Überlebenden nationalsozialistischer Konzentrationslager waren und sind

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