Stiftungsbericht 2020-2025
178 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Ilse Aigner, hochverehrte Gäste, meine verehrten Damen und Herren, als Münchner Oberbürgermeister heiße ich Sie alle hier zur heutigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des National- sozialismus auf dem Friedhof am Perlacher Forst herzlich will- kommen. Dass dieWahl dabei heuer auf genau diesen Ort in München gefallen ist, ist freilich kein Zufall. Schließlich ruhen hier auf dem Friedhof am Perlacher Forst im Ehrenhain I und Ehrenhain II Tausende von den Nazis ermordete Menschen. Da- runter finden sich KZ- und „Euthanasie“-Opfer und beispiels- weise auch die Gräber von Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst und Alexander Schmorell. Bei deren Gräbern gab es jüngst eine Umgestaltung. Die Grab- anlage wurde um einen sogenannten Denkraum zum Verwei- len und Reflektieren erweitert, bei dem sich die Besucherinnen und Besucher auch über dort angebrachte QR-Codes über die WiderstandsgruppeWeiße Rose informieren können. Damit wird klargestellt, dass es zutiefst verabscheuungswürdig ist, wenn bei Aufmärschen von Verschwörungstheoretikern und Gruppen aus der Querdenkerszene just an diesem Ehrengrab dieWeiße Rose für eigene Zwecke instrumentalisiert wird, um sich selbst einen nicht vorhandenen moralischen Anstrich zu verpassen und gleichzeitig unser heutiges demokratisches Staatswesen zu verunglimpfen und zu delegitimieren. Pegida und die AfD haben das ja bereits demonstriert. An Infa- mie kaum mehr zu überbieten, ist schließlich auch der immer wiederkehrende Versuch der Querdenker- und Verschwörungs- szene, ihre Protestveranstaltungen ganz gezielt an besonderen staatlichen Gedenktagen durchzuführen und unsere erinne- rungskulturellenWerte damit quasi zu kapern und zu verhöh- nen. So geschehen vor genau zwei Jahren in Stuttgart, wo man eine Großdemo gegen die damaligen Corona-Auflagen ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag veranstaltet hat. Oder bleiben wir in München: Denken Sie nur an die unsägliche Dieter Reiter Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus am Ehrenhain I am Friedhof am Perlacher Forst am 25. Januar 2023 Kundgebung von Verschwörungstheoretikern und Impfgeg- nern am 9. November des vergangenen Jahres auf dem Max- Joseph-Platz unweit der Feldherrnhalle. All das schwingt hier jedenfalls unweigerlich mit, wenn wir an die Opfer der beispiellosen Menschheitsverbrechen der natio- nalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern, wenn wir an die- jenigen Menschen erinnern, die unter der NS-Herrschaft unter anderem aus rassistischen, antisemitischen, politischen und religiösen Gründen, aufgrund von Behinderungen oder ihrer sexuellen und geschlechtlichen Orientierung ausgegrenzt, ver- folgt und ermordet wurden. Und genau deshalb wollen wir mit der heutigen Veranstaltung auch ein deutliches Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen Hass und Hetze, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antise- mitismus heute. Dass gerade München als ehemalige soge- nannte „Hauptstadt der Bewegung“ hier eine ganz besondere Verantwortung trägt, versteht sich von selbst. Wir werden auch niemals müde werden, an die Opfer der na- tionalsozialistischen Gewalt- undWillkürherrschaft zu erin- nern und für Toleranz undWeltoffenheit einzutreten. Und für eine lebendige und wehrhafte demokratische Stadtgesell- schaft, für Freiheitsrechte, für die Rechte von Minderheiten und Andersgläubigen. Und all denjenigen, die an diesen Grundfesten des friedlichen, solidarischen und mitmenschlichen Zusammenlebens rütteln, sei gesagt, dass wir sie niemals gewähren lassen. Das sage ich hier und heute vor dem Hintergrund unserer historischen Verantwortung. Das sage ich den Feinden der Demokratie, und dies ist auch Konsens in der gesamten demokratischen Münchner Stadtgesellschaft, die den Feinden der Demokratie jedes Mal aufs Neue die Stirn bietet. Vielen Dank! Politik und Gesellschaft ©Bildarchiv Bayerischer Landtag / S. Obermeier
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