Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 177 Kriegsopfer noch gar nicht erfasst. Statistik? Niemals! Mütter, Väter, Kinder, Schwestern, Brüder, Freunde, Kollegen, Nachbarn – geliebte, vermisste Menschen. Liebe Angehörige, sehr geehrter Herr Generalkonsul Ma ł kiewicz, im Namen des Bayerischen Landtags und persönlich versiche- re ich Ihnen:Wir werden nicht vergessen, wie verheerend der Überfall auf Ihr Land war, wie brutal die Nazis in Ihrem Land gewütet haben, wie viele polnische Menschen ermordet wur- den. Das bleibt unsere gemeinsame Geschichte. Und es ist eine große Geste der Völkerverständigung und Versöhnung, dass heute zwischen unseren Ländern so eine enge Partnerschaft und Freundschaft besteht. Ich danke stellvertretend Ihnen für die Menschen in Polen. Und ich danke Ihnen persönlich für Ihr Kommen und Ihre Unterstützung bei dieser Gedenkveranstal- tung. Sehr geehrte FrauW ęż yk, ich danke Ihnen, dass Sie uns von Ihrem Urgroßvater Julian Bart ý s berichten. Die unmenschlichen Bedingungen im KZ Dachau, dieWinter für Winter quälender wurden, sind für die meisten unvorstellbar. Und nur wenige wissen überhaupt von der Existenz von Tötungsanstalten wie Hartheim oder von Tö- tungs-Aktionen wie „14f13“. Der Ehrenhain I schafft Erinnerung, Wissen – ein Gedächtnis. Gedächtnis für ein schier uferloses Verbrechen. Allein auf diesem Friedhof finden sich neben den KZ- und Eu- thanasie-Opfern Kriegsgräber, Gräber von Zwangsarbeiterin- nen und Zwangsarbeitern sowie am Ehrenhain II die Gräber vonWiderstandskämpfern. Das letzte eingetragene Opfer ist Hans Leipelt, Chemiestudent, Soldat im ZweitenWeltkrieg. Als „Halbjude“ unehrenhaft entlassen, verteilte er das letzte Flugblatt der „Weißen Rose“. Er wird 1943 verhaftet, 1944 zum Tode verurteilt und kurz vor Kriegsende in München-Stadel- heim ermordet. Sehr geehrte Damen und Herren, „ein Toter ist eine Tragödie; der Tod von Millionen ist eine Sta- tistik.“ 78 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager stehen wir unvermindert in der Verantwortung, jedes einzel- nen Opfers zu gedenken. Deswegen war es wichtig, diesen Ort neu zu gestalten. Den Opfern ihre Namen zurückzugeben, ihre Geschichten zu erzäh- len. Vereinzelt gab es Kritik: Die Sicht-Achsen seien nun ver- stellt. Ja, genau! Das ist es, was wir wollen, was wir brauchen: Unbequemlichkeit. Sichtbarkeit! Das ist ein stiller Ort – aber er schreit. Vor Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Trauer und Schmerz. Und es ist unsere Aufgabe hinzuhören, hinzuschauen. Damit stellen wir uns allen ent- gegen, die einen Schlussstrich fordern – sei es aus Antisemi- tismus, Nationalismus oder Dummheit.Wir stellen uns allen entgegen, die vergessen machen wollen, die relativieren und verharmlosen. Die von Schuldkomplexen reden, um Verantwor- tung von sich und Deutschland zu weisen. Wir wollen genau das sein: verantwortungsvoll Handelnde, im Bewusstsein der Geschichte, nach vorne schauend in einem Land, das auf Demokratie, Rechtsstaat, Frieden und Zusam- menhalt setzt! Denn wir sehen doch, wie schnell unmöglich Geglaubtes real wird: in Brasilia – mit dem Sturm auf Verfas- sungsorgane. InWashington – mit dem Sturm auf das Kapitol. Das sind Angriffe auf Demokratien. Ihre Verteidigung beginnt nicht an den Parlamentstüren. Nein! Die Verteidigung der Demokratie beginnt mit einem guten Gedächtnis. Auch deshalb setze ich mich für ein nachhaltiges, aufrichtiges, empathisches Gedenken ein.Weil ich überzeugt bin: Die Er- innerung an die Vergangenheit macht uns nicht schwächer – sie macht uns stärker.Wer verstanden hat, wozu Menschen imstande sind, vergisst das nie wieder. Wir können nicht jedes Unrecht verhindern. Aber wir können uns wappnen. Gegen die Ungeheuerlichkeiten, die möglich bleiben. Das sage ich gerade jetzt, da wir vergangenes Jahr erlebt haben, wie vermeintliche Gewissheiten mit dem letzten Schnee dahingeschmolzen sind – am 24. Februar. Die Erinne- rung an den Holocaust, an die Menschheitsverbrechen der Na- tionalsozialisten, ist und bleibt Teil der deutschen Staatsräson. Damit wir unsere Feinde frühzeitig erkennen. Damit wir feine Antennen haben für jede Form von Menschenverachtung. Damit wir konsequent eingreifen, wenn Menschen diskrimi- niert, gemobbt, ausgegrenzt oder gar gewaltsam angegriffen werden. Damit wir wachsam und wehrhaft sind. Demokratinnen und Demokraten brauchen ein gutes Gedächt- nis! Wir schärfen es! Das ist die entscheidende Lehre aus der Geschichte. Das ist unser Erbe. Das ist das Vermächtnis jedes einzelnen Opfers.
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