Stiftungsbericht 2020-2025

Politik und Gesellschaft 174   REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT als Direktor vorsteht. Sein Einsatz für die Erinnerung an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte ist schon seit seiner Zeit als Realschullehrer eine seiner Lebensaufgaben. Er ist ein Aufklärer, und ich darf Sie, lieber Präsident Dr. Schuster, zitieren: „Karl Freller ist ein Glücksfall für die Juden in Bayern.“ Und ich darf noch ergänzen: Er ist ein Glücksfall für die Erin- nerungskultur in Bayern. Mein Dank gilt natürlich auch der Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Frau Dr. Gabriele Hammermann, und dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Professor Dr. Jörg Skriebeleit, die mit ihrer leidenschaftlichen Arbeit die Erinnerungskultur in Bayern wesentlich geprägt haben und prägen. Sie und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen sich jeden Tag mit großer Leidenschaft und viel Herzblut dafür ein, dass das Leid der Opfer nicht vergessen wird. Ich bin mir sicher, das kostet Sie und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft auch psychisch viel Kraft. Denn die Gedenkstätten sind eben kein normales Museum, sondern tägliche Erinnerung an grau- samste Verbrechen, zu denen der Mensch fähig war. Meinen herzlichen Dank dafür auch Ihnen! Meine sehr verehrten Damen und Herren, Erinnerung verpflichtet uns auch, Verantwortung zu überneh- men und aufzustehen gegen Antisemitismus, Rassismus, Aus- grenzung und Fremdenhass, wo immer wir das erleben. Erinnern heißt für mich, nicht schweigen zu können und nicht schweigen zu dürfen. Vergessen wir nicht: Erst das Schweigen der Mehrheit machte in Deutschland die unvorstellbaren Ver- brechen des NS-Regimes möglich. Antisemiten und Rassisten sind, Gott sei Dank, nur eine Minderheit in unserem Land. Aber sie sind laut, und die Mehrheit der Gesellschaft ist eben oft zu leise. Fakt ist, antisemitische Straftaten nehmen zu. Über 2.600 anti- semitisch motivierte Straftaten gab es 2022 in Deutschland. Also statistisch mehr als sieben pro Tag. Fakt ist auch, dass die Hemmschwellen für Hass, Rassismus und Antisemitismus sinken. Manches scheint wieder „sagbar“. Ausfälle, die wir in den sozialen Netzwerken sehen oder bei De- monstrationen im Zuge der Pandemie beispielsweise gesehen haben, müssen uns aufrütteln. Gerade in der Pandemie haben wir es erlebt, dass am Ende jeder Verschwörungstheorie häu- fig ein antisemitisches Narrativ stand. Eine wehrhafte Demokratie braucht heute nicht unbedingt große Helden. Aber engagierte Demokraten, nämlich uns alle. Wir alle müssen wachsam bleiben. Gerade jetzt finden populistische bzw. rechtspopulistische Positionen wieder vermehrt Einzug in unsere Gesellschaft. Parteien, die solche Positionen vertreten, erhalten wieder stärkeren Zulauf. Das nationalistische Gift sickert überall in Europa wieder ein und scheint gesellschaftsfähig zu werden. Hier sind alle Demokraten gefragt, sich unterzuhaken und zusammenzuschließen, den zivilisatorischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte nicht leichtfertig zu verspielen und gemein- sam gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung zu stehen. Die Mahnung Max Mannheimers gilt mehr denn je: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Fundament dafür ist das Er- innern, und das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.Wir schulden den Opfern von damals als Gesellschaft Erinnerung, aber auch den Überlebenden und allen Angehörigen, uns selbst und kommenden Generationen. Das Gedenken an die Opfer und ihr Leid geht uns alle an. Erin- nern und Mitgefühl lassen sich nicht per Gesetz und Verwal- tungsakt amtlich anordnen. Aber Erinnerungsarbeit lässt sich auch nicht allein bürgerschaftlich bewältigen. Sie ist immer auch eine öffentliche Angelegenheit. Der Staat muss sich hier zu seiner Verantwortung bekennen und klare Kante zeigen. Der Freistaat Bayern ist sich dieser Verantwortung bewusst. Wir legen ein Fundament für Gegenwart und Zukunft.Wir erinnern, fördern und schützen. Lassen Sie mich nur ein paar wenige der zahlreichen Punkte hervorheben: Ein besonderes Zeichen haben wir 2020, 75 Jahre nach Kriegsende, gesetzt und ein wegweisendes Gesamtkonzept für die Erinnerungskultur in Bayern beschlossen. Es rückt vor allem die Opferorte in den Fokus. Neben Berlin hat Bayern eine besondere Verpflichtung, weil bei uns zentrale bauliche Zeugnisse der NS-Zeit und Orte von NS-Verbrechen liegen. Deshalb werden wir die Gedenkstätten und Erinnerungsorte sanieren, weiterentwickeln und die Forschungsarbeit dazu stärken. Stolz sind wir auch auf unser bayerisches „Gesamtkonzept jüdisches Leben und Bekämpfung des Antisemitismus“. Es • •

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