Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 169 gangenes ad acta gelegt werden? –Wie oft haben wir, lieber Herr Professor Skriebeleit, darüber gesprochen. – Auf diese Fra- gen kann es nur eine Antwort geben: Das, was hier in unserer Heimat während des „Dritten Reiches“ passiert ist, war von einer solchen Dimension, dass es nie vergessen werden sollte, niemals vergessen werden darf. Ad acta zu legen würde nicht nur die Täter aus der Pflicht nehmen, sondern auch die Opfer und ihr Leid verschwinden lassen. Es wäre auch ein Bären- dienst an unserer Jugend und unserer Zukunft, denn nur mit dem mahnenden Beispiel der Vergangenheit vor Augen kann man die Gegenwart verstehen, problematische Entwicklungen im Keim erkennen und eine friedfertige, lebenswerte Zukunft ermöglichen. Wenn ich mir unsereWelt ansehe, scheint es heute notwen- diger denn je, uns die Lehren aus unserer Vergangenheit be- wusst zu machen. DieWelt ist nicht nur imWandel – das war sie schon immer –, sie scheint zunehmend geprägt von globa- len, lokalen und gesellschaftlichen Krisen. Politische Land- schaften werden radikaler – ebenso wie wachsende Teile der Gesellschaft in Ländern, die bislang als Musterbeispiele für Demokratie und Freiheitsrechte galten. Antisemitismus und Extremismus nehmen nicht nur im zwischenmenschlichen Alltag, sondern auch auf nationaler und internationaler Ebene zu. Der Bedarf an Lehren und Erinnerung scheint nicht nur un- gebrochen, sondern täglich zu wachsen. Erinnerungskultur ist jedoch weit mehr als ein politisches Lip- penbekenntnis. Auch jüngste Entwicklungen in unserem eige- nen Land sind besorgniserregend.Wir dürfen nicht zulassen, dass in Deutschland wieder Juden aufgrund ihres Glaubens beschimpft werden und um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müssen.Wir brauchen Sensibilisierung, nicht Ab- stumpfung. Umso wichtiger ist es, besonders jungen Genera- tionen aller gesellschaftlichen Schichten und von unterschied- licher kultureller Herkunft ein tiefes Geschichtsverständnis und die sehr realen Gräuel des „Dritten Reiches“ zu vermitteln. Genau hier liegt weiterhin die große Aktualität und Zukunfts- aufgabe der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.Was hier dokumen- tiert wird, prallt an keinem ab. Es erschüttert, schmerzt und beschämt. Nichts kann die Frage beantworten, wie Menschen anderen Menschen so Schreckliches antun konnten. Aber die wissenschaftliche Dokumentation, das Bildmaterial und die Zeitzeugenberichte hier in Flossenbürg können und sollten uns davor bewahren, blind für Entwicklungen zu sein und Fehler zu wiederholen. Wir erleben also das Ende der Zeitzeugenära, das aber vor allem eines bedeutet: Dass wir neueWege finden müssen, diesen wichtigen Zeitzeugen eine Stimme zu geben. Es ist eine Herausforderung für Historiker und Ausstellungsmacher: mit vorhandenen Aufzeichnungen und modernen Technologien neueWege zu beschreiten und bewegende Einzelschicksale in dieser nächsten Phase zu präsentieren. Zusammen mit dem Jüdischen Museum Hohenems und in Kooperation mit dem Zentrum Erinnerungskultur der Univer- sität Regensburg wurde die Ausstellung „Ende der Zeitzeugen- schaft?“ erarbeitet. Ein großes Dankeschön an die Uni Regens- burg für die enge und wertvolle Zusammenarbeit, die für die Gedenkstätte und ihre wissenschaftliche Arbeit von unschätz- baremWert ist. Seit 2020 hat sich die Bayerische Staatsregierung im Dialog mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und der Gemein- de Flossenbürg für die Stilllegung des Steinbruchs und die Erweiterung der KZ-Gedenkstätte um diesen Ort von Leid und Fronarbeit eingesetzt. 2021 hat der Freistaat entschieden, den Pachtvertrag für einen kommerziellen Abbau nicht über März 2024 hinaus zu verlängern. Das Gelände, das heute noch wie eine offeneWunde in der Landschaft wirkt, spielt für die schreckliche Geschichte dieses Ortes eine tragende Rolle und wird nun schrittweise immer mehr auch für die Allgemeinheit erschlossen. Der Erhalt, der Betrieb und dieWeiterentwicklung der KZ-Ge- denkstätte Flossenbürg sind auch weiterhin ein wichtiger Teil unserer Erinnerungskultur und Teil unserer Erinnerungs-Auf- gabe. Sie wird durch den Freistaat unter anderem im Rahmen des Gesamtkonzepts Erinnerungsarbeit gefördert. Getragen aber wird sie von den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die ihr Wirken in den Dienst dieser Verantwortung gestellt haben, Gedenken zu wahren, Bewusstsein zu stärken und für die Zu- kunft zu mahnen. Denn das wollen wir auch weiterhin tun. Vielen Dank!
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