Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 165 und sind aktuell dabei, die seit Langem geplante Übernahme des sogenannten Kräutergarten-Areals durch Freistaat und Stiftung zu finalisieren, damit hier in den kommenden Jahren eine Erweiterung des Gedenkortes Dachau umgesetzt werden kann. Insofern ist es für mich eine sehr besondere Geste, dass sich der Bayerische Landtag dafür entschieden hat, seinen Gedenk- akt anlässlich des 27. Januar hier im Schloss Dachau abzuhal- ten – eine Geste für die untrennbare Verbindung des Freistaats Bayern mit der Stadt Dachau im Bereich der Gedenkarbeit. Es ist dieselbe Geschichte, derer wir gemeinsam gedenken. Es sind dieselben Opfer, die wir gemeinsam betrauern. Es ist die dieselbe Zukunft, für die wir heutige und zukünftige Genera- tionen am Lernort Dachau historisch bilden und zuWachsam- keit und Haltung erziehen wollen. Wir stehen dabei aktuell vor gewaltigen Aufgaben, die es ge- meinsam zu meistern gilt: Die Zeitzeugen werden immer we- niger, Abba Naor ist mit seiner unglaublichen Kraft mittlerwei- le eine Ausnahmepersönlichkeit.Wir müssen neue Formate der Bildungsarbeit entwickeln, die nicht mehr auf dem individuel- len Akt des Erinnerns basieren. In unserer postmigrantischen Gesellschaft ist das Gedenken in Deutschland noch zu sehr deutsch-zentriert. Längst nicht alle heutigen Deutschen kön- nen als direkte Nachfahren der Deutschen der NS-Zeit be- schrieben werden. Es bedarf eines erweiterten Gedenkbegriffs und eines sehr differenzierten Ansatzes in der schulischen und außerschulischen historischen Bildung. Das Gleiche gilt für den Umgang mit neuen Formen von Rassismus und ins- besondere auch von Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Das „Nie wieder“ haben wir in politischen Reden seit Jahren beschworen. „Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz“ haben wir jahrelang gehört. Aber wir hören und sehen ihn aus vielen politischen und gesellschaftlichen Richtungen, auch aus Richtungen, die wir bislang zu wenig im Blick hatten. All diese Beschwörungen blieben eine leere Phrase, wenn wir nicht klar machen, dass, wer die Seinsberechtigung Israels bekämpft, den Jüdinnen und Juden ihre Seins- und Daseinssicherheit ab- spricht. Sehr geehrte Gäste des heutigen Gedenkaktes, der Name „Dachau“ bleibt mit dem Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus für immer verbunden. Die Stadt Dachau darf und wird sich dieser Verantwortung niemals ent- ziehen.Wir dürfen nie vergessen, wohin der verblendete Ras- senwahn und die mörderische Ideologie der Nazis geführt haben: in den Alptraum der Konzentrationslager und das Leid und die Zerstörung eines rassistischen Angriffskriegs gegen unsere Nachbarn in Europa. Lassen Sie uns gemeinsam dafür arbeiten, dass sich all dies nicht mehr wiederholen kann. Im Gedenken und in Trauer um die Opfer der Konzentrationslager, in der Verpflichtung gegen- über den Überlebenden und ihrem Vermächtnis, mit festem Blick für eine Zukunft ohne Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDM3NDQ=