Stiftungsbericht 2020-2025
164 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT ©Bildarchiv Bayerischer Landtag / M. Balk Politik und Gesellschaft Verehrte Zeitzeugen, sehr geehrte Frau Dr. Knobloch, sehr geehrter Herr Dr. Schuster, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin, sehr geehrte Gäste, ich bin dankbar, dass ich anlässlich des heutigen Gedenkaktes für die Opfer des Nationalsozialismus als Oberbürgermeister der Stadt Dachau ein Gedenkwort zu Ihnen sprechen darf. Ich bin auch dankbar, dass die heutige Veranstaltung hier im Schloss, in der Mitte der Stadt Dachau, stattfindet. Wie Sie vielleicht der Einladungskarte entnommen haben und wie es heute schon angeklungen ist, gab es bereits 1945, im Jahr der Befreiung, eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Konzentrationslagers an diesem Ort, und auch in den Jahren danach fanden im Schloss Zusammenkünfte der Überlebenden statt. Von 1945 bis 1951 bestand sogar eine Jüdische Gemeinde in Dachau, deren Kulturhaus mitten in der Altstadt lag. Viele Überlebende, viele hier gestrandete Displaced Persons – sie blieben nach dem Krieg in der Stadt; in der Stadt, deren Name doch so eng mit dem Ort ihres Leidens verknüpft war. Als der Dachau-Überlebende Nico Rost 1955 Dachau besuchte, fand er eine andere Situation als unmittelbar nach dem Krieg vor. In seinem Bericht „Ich war wieder in Dachau“ mutmaß- te er, dass die bayerische Staatsregierung und die Dachauer Lokalpolitik bewusst die Überreste des Konzentrationslagers verschwinden lassen wollten, um die Zeit zwischen 1933 und 1945 vergessen zu machen. Nico Rosts Weckruf bedeutete eine Zäsur. Von ihm und weiteren seiner Leidensgenossen gingen in den folgenden Jahren wichtige Impulse für die Errichtung einer KZ-Gedenkstätte in Dachau aus. Die Stadt Dachau hat sich nach dem Krieg über viele Jahrzehn- te und bis weit in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein sehr schwer getan mit einem angemessenen Umgang Florian Hartmann Oberbürgermeister der Stadt Dachau Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus im Schloss Dachau am 23. Januar 2025 mit ihrer Geschichte. Erst mit der Studie „Die Stadt und das Konzentrationslager“ der Dachauer Historikerin Sybille Stein- bacher begann sich ab Mitte der 90er Jahre beispielsweise ein Verständnis der engen Verbindung der Stadtgesellschaft mit SS und KZ in Dachau durchzusetzen. Initiiert von Akteurinnen und Akteuren der Zivilgesellschaft wandelte sich damals auch die politische Haltung zur Zeitgeschichte. „Von der Last zum Lernort“ hat ein Historiker einmal diesen steinigenWeg be- schrieben. Es waren insbesondere die Überlebenden, die die Stadt Dachau auf diesemWeg begleiteten. Überlebende, die trotz ihrer traumatischen Erfahrungen in Konzentrationslagern nach 1945 in der Stadt oder in der Region geblieben waren wie Nikolaus Lehner oder der Dachauer Ehrenbürger Dr. Max Mannheimer. Überlebende, die eine neue Heimat in Israel gefunden hatten, aber mit unzähligen Besuchen und Vorträgen Dachau weiter- hin verbunden blieben wie Uri Chanoch oder Abba Naor, der auch im hohen Alter nach wie vor Jahr für Jahr hier in Dachau zu bayerischen Schulklassen spricht. Später kamen auch aus Dachau vertriebene Bürgerinnen und Bürger jüdischer Her- kunft hinzu, die den Krieg überlebt hatten und nun wieder ihren familiärenWurzeln nachspürten wie Ruth Locke oder FrankWallace aus England. Heute arbeiten am Lernort Dachau KZ-Gedenkstätte, Lager- gemeinschaft, die Kirchen und die zeitgeschichtlichen Vereine, das Max Mannheimer Studienzentrum und die Stadt Dachau auf das Engste und Vertrauteste zusammen, organisieren Fachveranstaltungen der politischen Bildung und gemeinsame Gedenkveranstaltungen – wie zum Beispiel auch das jährliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar, zu dem wir kommenden Montag Igor Levit zu einem Gespräch begrüßen dürfen, zu dem ich Sie alle an dieser Stelle auch herzlich einladen darf. Mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und dem Frei- staat Bayern arbeiten wir ebenfalls vertrauensvoll zusammen
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