Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 161 unter katastrophalen Umständen in dem Lager. Es herrschten menschenunwürdige hygienische Verhältnisse. Das NS-Re- gime schaffte es aber noch, die eigene Barbarei zu übertreffen. Denken wir an die Todesmärsche im April 1945 im Angesicht der Befreiung. Bloß keine Spuren hinterlassen, möglichst alles verwischen. Als die US-Armee anrückte, wurden Häftlinge er- barmungslos Richtung Dachau getrieben. Mindestens 5.000 Gefangene starben Tage, oft nur Stunden, vor der Befreiung. Als die amerikanischen Soldaten dann das Lager Flossenbürg befreiten, trafen sie auf 1.500 Menschen in einem entsetz- lichen Zustand.Wer die Fotos aus der Zeit sieht, kann es kaum ertragen. Man kann sich nicht vorstellen, wie nach Jahrhunder- ten vermeintlicher Zivilisierung eine solche Abwesenheit von zivilisatorischen Grundregeln, von Humanität, von Menschlich- keit, überhaupt je möglich war. Auch vor diesem Hintergrund habe ich als ganz junger Mensch mein politisches Bewusstsein gefunden, als ich die ersten Bilder in der Schule gesehen habe von Konzentrationslagern und wie die Nationalsozialisten gehandelt haben. Das war mir unvorstellbar, das darf nie wieder geschehen. Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind nicht ein schlim- mes Verbrechen unter vielen, sondern sie sind das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Jeder, der das relati- vieren will oder das als eine kurze Episode in einer langen Ge- schichte sieht, der irrt und wird meinenWiderspruch ernten. Dieses Verbrechen ist und bleibt einzigartig. Deswegen ist nicht nur die Erinnerung, sondern der Kampf gegen jede Form der leisestenWiederholung unsere zentrale Aufgabe als Demokraten in Deutschland, meine Damen und Herren. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Gedenkveranstaltungen erlebt. Natürlich wird der Satz „Nie wieder!“ immer wieder verwendet. Und früher war es auch relativ leicht, ihn über die Lippen zu bringen. „Das darf nie wieder passieren“, „Das kann nie wieder passieren“, „Wir in Deutschland haben gelernt“, „Wir in Europa haben gelernt“. Gilt das heute noch immer so? Kann man das so einfach sagen? Nein, man kann es nicht. Der Satz „Nie wieder!“ darf nicht zu einer Formel verkommen, die Politiker gerne sagen, sondern er muss ein klares Bekennt- nis sein – und das muss mit tatkräftigem Handeln verbunden werden. Ohne Kompromisse! Es gibt bei dieser Frage keine Kompromisse. Man muss Haltung zeigen und diese auch ver- treten. Wir spüren Antisemitismus und Rechtsextremismus in unse- rem Land so stark wie noch nie seit Ende des ZweitenWelt- krieges. Es geht leise los. Und wird, wenn es auf keinenWider- spruch trifft, mutiger, lauter, aggressiver, frecher. Irgendwann zeigt sich dann die Fratze des Rechtsradikalismus und des Anti- semitismus ganz offen. Der von mir hochgeschätzte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herr Dr. Schuster, ant- wortete einmal auf die Frage „Haben Sie Ihre Koffer gepackt, um das Land zu verlassen?“: „Nein, gepackt habe ich sie nicht. Aber wir wissen, wo die Koffer stehen.“ Das verletzt, auch wenn seine Antwort verständlich ist. Und wenn ich erlebe, wie eine Frau wie Frau Dr. Knobloch mutig im Parlament bei Gedenkta- gen einer politischen Partei ganz bewusst die Stirn bietet, dann ist es für mich genau diese Zivilcourage, die wir brauchen. Diese Zivilcourage kann und muss jeder Einzelne von uns zei- gen. Nicht nur bei offiziellen Anlässen, sondern auch im Sport- verein, am Stammtisch, im Gespräch mit Kollegen – egal wo. Denn sonst beginnt ein Prozess der ganz leisen und leichten Zersetzung mit Schweigen am Anfang und der Verharmlosung „Jeder soll seine Meinung haben“. In Zeiten, in denen sich Hass und Hetze wieder in unsere Gesellschaft hineinfressen, gilt mehr denn je: Haltung zeigen und diese vertreten.Wer es aufgibt, seineWerte zu vertreten, verliert sie. Seien wir uns bewusst: Aus bösen Gedanken werden böseWorte, und aus bösenWorten können Taten werden. Jedem muss klar sein – denken wir an damals: Es geht mit einer Minderheit los. Aber wenn sich nicht alle anderen solidarisieren, dann werden am Ende alle betroffen sein. Deswegen gilt für mich: Hass, Hetze und Menschenverachtung haben bei uns keinen Platz. Jeder, der sich angegriffen fühlt, kann auf den Schutz des Staates vertrauen. Denn wer gegen diese Menschen ist, der ist gegen unsere gesamte Gesellschaft, meine Damen und Herren! Antisemitismus tritt häufig auch in verdeckter Form auf. Manchmal ist man ganz überrascht. So zeigen sich plötzlich antisemitische Äußerungen aus einem Milieu, aus dem ich das so nicht erwartet hätte, zum Beispiel gerade auch von links. Auch dagegen müssen wir uns wehren. Natürlich wird versucht, nicht nur von rechtsextremer Seite, auch aus manchen islamistischen Gruppen heraus, Antise- mitismus zu befördern und als Israelkritik darzustellen. Man muss nicht alles gut finden, was Israel macht. Das tut die israe- lische Bevölkerung auch nicht. Es gibt wohl kaum ein Land, in dem die Bevölkerung so kritisch auf das Handeln der eigenen Regierung schaut, wie Israel. Aber wenn es um das Existenz-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NDM3NDQ=