Stiftungsbericht 2020-2025
160 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Politik und Gesellschaft Meine sehr verehrten Damen und Herren, 80 Jahre Befreiung KZ Flossenbürg: Der unmittelbare Schrecken hatte damals ein Ende, aber die Erinnerung daran niemals. Wir reden heute nicht nur über die körperlichen Schmerzen, die es damals gab, sondern auch über die Verwundungen der Seele, die bis heute bestehen und nicht heilbar sind. Deswegen ist mein Besuch heute hier als Bayerischer Minister- präsident kein Pflichttermin, sondern er ist ein persönliches Bekenntnis. Gerade in den Zeiten, die wir jetzt erleben, in denen Dinge passieren, die wir vor zehn, zwanzig Jahren für unvorstellbar gehalten haben.Wir haben oft von „Nie wieder!“ geredet und diskutiert. Aber jetzt erleben wir eine grundlegende Veränderung. Umso wichtiger ist es, nicht nur ein Bekenntnis abzulegen, sondern zu zeigen, dass der Staat, die Gesellschaft und die handelnden Personen von großer Entschlossenheit sind. „Nie wieder!“ darf nicht nur ein Satz sein, er muss auch real gelebt werden. Und er muss auch immer wieder erneut erkämpft werden. Deswe- gen bin ich heute hier, um diese klare Aussage auch am heuti- gen Tag zu machen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Wir gedenken heute der Befreiung des KZ Flossenbürg durch amerikanische Soldaten vor 80 Jahren. Ein ganz besonderer Tag, ein besonderes Jubiläum. Die Erinnerung an die Befreiung ruft unglaublich aufwühlende Emotionen hervor. Es ist tief bewegend. Es ist ein Tag der Trauer um die Opfer. Ein Tag der Dankbarkeit gegenüber den Befreiern. Ein Tag der Erwartung, dass Menschen aus diesen schlimmen Zeiten gelernt haben. Aber auch ein Tag des Zweifels, ob sich diese Erwartung erfüllt. Die SS errichtete in Flossenbürg 1938 ein Konzentrationslager. Insgesamt 100.000 Häftlinge aus 47 Nationen wurden hier von 1938 bis 1945 im KZ und in seinen fast 80 Außenlagern gefangen gehalten. 84.000 Männer, 16.000 Frauen, darunter unzählige Kinder und Jugendliche. Sie mussten in den Stein- Dr. Markus Söder, MdL Ministerpräsident des Freistaates Bayern 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 27. April 2025 brüchen unter furchtbarsten Bedingungen als rechtlose Arbeitssklaven Granit für die monströsen Prachtbauten des NS-Staates abbauen. Ab 1943 wurden die Gefangenen auch zur Produktion des Jagdflugzeuges „Messerschmidt“ in um- funktionierten Steinmetzhallen gezwungen. Das Lager war damit ein Standort für die Rüstungsindustrie der National- sozialisten. Unzählige Inhaftierte aus unterschiedlichen Gruppen wurden hier gefangen gehalten. Sogenannte „Berufs- verbrecher“, aber auch politische Häftlinge, Juden, Sozialdemo- kraten, Kommunisten, Homosexuelle, regimekritische Journa- listen, Künstler und Geistliche und etwa 1.000 Sinti und Roma. Viele von ihnen sind gestorben. Viele haben sehr gelitten. Es waren Menschen dabei, die wir noch heute kennen.Wobei es keinen Besonderen gab, sondern jeder Einzelne, jedes einzelne Opfer, jedes einzelne Schicksal rührt uns in gleicher Weise. Uns allen sind die letztenWorte von Dietrich Bonhoeffer vor seiner Hinrichtung hier besonders im Gedächtnis: „Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.“ Heute ist auch S.K.H. Max Emanuel in Bayern hier, der mit seinem Bruder Franz von Bay- ern als „Sonderhäftling“ Flossenbürg nur knapp überlebte. Franz von Bayern sagte über die damalige Zeit:„Die Leichen wa- ren hier so aufgestapelt, dass es in unserer Baracke dunkel war.“ All das sind Erinnerungen, die selbst nach Jahrzehnten niemals verblassen können. Auch wenn Flossenbürg kein „klassisches“ Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka war, war es doch ein Vernichtungslager, ein Vernichtungslager durch Ar- beit. 30.000 Menschen wurden hier und in den Außenanlagen umgebracht. Von den vielen, die zur Ermordung in andere Vernichtungslager deportiert wurden, ganz zu schweigen. Menschen starben an den Folgen erbarmungsloser Ausbeu- tung durch Zwangsarbeit, an Mangelernährung, Krankheit und ausbleibender medizinischer Versorgung. Oder sie wurden einfach kaltblütig hingerichtet. Gott war hier nicht da. Es gab keine Menschlichkeit, keine Humanität. Am Ende drängten sich fast 15.000 Menschen
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