Stiftungsbericht 2020-2025
158 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT Politik und Gesellschaft ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Sehr geehrte Überlebende, sehr geehrte Befreier, sehr geehrte Hinterbliebene, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrte Vertreter des Bayerischen Landtages und des Bundestages sowie der Bayerischen Staatsregierung und der Bundesregierung, sehr geehrte Mitglieder des diplomatischen Corps, sehr geehrte und liebe Gäste, meine sehr verehrten Damen und Herren, für jeden, der es nicht selbst erlebt hat, ist es kaum vorstell- bar, welch Leid, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und welch menschliche Erniedrigung den Häftlingen in Konzentrations- lagern, diesen Fabriken für den Verschleiß von Menschen, widerfahren ist. Wiederholt stellen wir uns die Frage, wie so etwas geschehen konnte und wie es von der Gesellschaft toleriert oder sogar unterstützt werden konnte.Wie konnte die damalige deutsche Gesellschaft akzeptieren, dass Menschen aufgrund von ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Religions- zugehörigkeit nicht auf normale menschlicheWeise behan- delt wurden und dass mit ihnen auf eine Art umgegangen wurde, wie wir es nicht einmal Tieren zumuten. Wir fragen uns, wie schnell und wie leicht man einem Gefühl der Überlegenheit erliegen kann sowie der Anmaßung, über die Schicksale und das Leben von Nicht-Auserwählten zu bestimmen. Dringend brauchen wir die Vergewisserung, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. An die Zeit und die Ereignisse des ZweitenWeltkrieges erin- nern wir nun schon seit 80 Jahren.Wir analysieren und erfor- schen die Anatomie des Bösen und die Pathologie der menschlichen Seelen, die daran ihren Anteil hatten. Gelegent- lich überlegen wir, ob die 80 Jahre nicht bereits ausgereicht Jiri Oberfalzer Stellvertretender Senatsvorsitzender der Tschechischen Republik 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 27. April 2025 haben, um künftige Generationen zu belehren und sicher zu stellen, dass sie immun gegen solche Abgründe sind. All die Zerstörung und das Leid, das Europa vor neun Jahrzehn- ten widerfahren ist, hätte eine zeitlose Katharsis in Form von Reue, Abschreckung undWiedergutmachung. Es scheint jedoch, als ob es unmöglich wäre, das Böse vollstän- dig auszulöschen. In guten Zeiten scheint es sich irgendwo zu verstecken und auf eine neue Gelegenheit zu warten. Es ist wie Grundwasser, das man an einer Stelle erfolgreich wieder in den Boden drückt und das allerdings später an einer anderen Stelle wieder ausbricht. Wenn wir uns auf der heutigenWelt umschauen, sehen wir, dass die Menschheit nur wenig gelernt hat.Wir haben keine Garantien oder Gegenmittel gegen ein solch pathologisches Handeln. Der Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren öffnete dem Völkermord erneut Tür und Tor, und zwar in einem Aus- maß, das wir nicht erneut für möglich hielten. Die russische Aggression in der Ukraine liefert jeden Tag Bei- spiele menschlicher Gräueltaten, von denen wir hofften, sie nie wieder erleben zu müssen. Erneut kommt es zur Ermordung von Zivilisten, zu Verge- waltigungen, Folter von Gefangenen und Entführungen von Kindern zum Zwecke der Umerziehung. Das russische Volk akzeptiert größtenteils wie selbstverständlich die Ansicht, dass es das Recht hat, die Ukraine zu besitzen, ihre Bewohner zu töten und zu bestimmen, wie sie in Zukunft leben dürfen. Dabei kann man nicht für alles nur einen psychopathischen Herrscher verantwortlich machen. Leider gibt es viele solcher Herrscher nicht nur in unserer Geschichte, sondern auch in der Gegenwart. Die grundlegende Frage ist allerdings, wie es sein kann, dass sich Massen solchen Despoten anschließen und ihnen blind in den Ansichten und Taten folgen, die mit unserer
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