Stiftungsbericht 2020-2025
156 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Politik und Gesellschaft Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Markus Söder, sehr geehrter Herr Vizepräsident Oberfalzer, hoch geschätzte Überlebende und Familienangehörige, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Skriebeleit, meine sehr verehrten Damen und Herren! „Der Tag meiner Befreiung war der traurigste Tag in meinem Leben.“ – So sagte es der 2022 verstorbene Jack Terry, langjäh- riger Sprecher der ehemaligen Häftlinge des KZ Flossenbürg, in Interviews und Vorträgen immer wieder. Am 23. April 1945 ist Jack, Jakob, 15 Jahre alt – und allein auf der Welt. Als Einziger seiner Familie hat er die Shoa überlebt. Die Nazis haben seine Brüder und seinen Vater ermordet. Schwester und Mutter wur- den vor seinen Augen erschossen. (Zunächst war er ins Ghetto verschleppt worden, dann in ein SS-Arbeitslager, von dort in eine Zwangsarbeits-Salzmine und schließlich ins KZ Flossen- bürg.) An diesem 23. April erlaubt er sich zum ersten Mal seit fünf Jahren, an etwas Anderes zu denken als ans Überleben. Er denkt an seine Geschwister, an seine Eltern – er beginnt einen niemals endenden Prozess des Abschieds, des Trauerns, des Versuchs,Wunden aufzuarbeiten, die nicht heilen. Ist das ein Tag, den wir „feiern“ können? Ende Januar fand im Bayerischen Landtag anlässlich des Holo- caustgedenktags eine Lesung aus „Das andere Leben“ statt, die Memoiren des Dachau-Überlebenden Solly Ganor. Ich hielt die Eröffnungsrede und sollte gleich weiter. Ein wichtiger Termin. Aber ich blieb. Ich war gefesselt. Es war mir wichtiger, mehr über das Schicksal dieses Jungen, seiner Familie, seiner Freun- de, zu erfahren. Ich bin bis heute erschüttert. Ist das also ein Tag, den wir „feiern“ können? In jedem Fall dürfen wir dankbar sein. Den US-amerikanischen Soldaten, die nicht nur den letzten Überlebenden wie Jack Tobias Reiß, MdL I. Vizepräsident des Bayerischen Landtages 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 27. April 2025 Terry ein Leben in Freiheit ermöglichten, sondern uns allen in Bayern. Sie haben uns ermöglicht, auf den Trümmern eines in jeder Hinsicht zerstörten Landes eine freiheitliche, parlamen- tarische Demokratie aufzubauen, in der dieWürde jedes einzel- nen Menschen die oberste Prämisse ist. Das dürfen wir feiern! Unter einer Voraussetzung: Dass wir diese Freiheit als größt- denkbare Verantwortung begreifen. Denn sie steht auf dem Spiel. Vor wenigen Jahren noch sah es aus, als wäre zwar noch nicht das „Ende der Geschichte“ erreicht – aber die liberalen Demokratien schienen auf einem gutenWeg. Zwar war der „Weltfrieden“ nicht erreicht – aber Diplomatie, Digitalisierung und Globalisierung schienen Grenzen und Gräben zwischen Freund und Feind zu überbrücken. Und heute? Seit drei Jahren herrscht in Europa ein Krieg, der die überwunden geglaubten Schrecken des 20. Jahrhunderts in unsere Gegenwart versetzt. Die Feinde der Demokratie greifen uns unverhohlen auf unterschiedlichen Ebenen an. So sind sicher geglaubte Gewissheiten in den tosenden Stürmen der letzten Jahre über Bord gegangen. Und Verunsicherung, Angst,Wut, Frust, Verhärtung und Spaltung wachsen im Innern zu ernsthaften Gefahren heran für die Tragfähigkeit unserer Demokratie. Als Repräsentant des Parlaments erlebe ich die destruktiven Tendenzen hautnah: In der Volksvertretung bilden sich die radikalen Verschiebungen ebenso ab wie die unversöhnlichen Debatten, Spott, Verhöhnung, Feindseligkeit. Es ist spürbar: Unsere Demokratie und unsere Freiheit sind in Gefahr! Nicht zufällig tobt sich in diesem gesamtgesellschaft- lichen Umfeld eine Urform der Menschenverachtung aus: der Antisemitismus, der an Orten wie diesem zu verheerender Perfektion getrieben wurde, zu millionenfachem Mord in deut- schem Namen.
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