Stiftungsbericht 2020-2025
POLITIK UND GESELLSCHAFT | REDEN 155 Nationalsozialistische Diktatur, Terror, Krieg und Vernichtung hängen miteinander zusammen. Die politischen Häftlinge hier in Dachau waren die ersten. Es folgten viele weitere, die die Nazis ausschalten wollten. Erst recht nach Kriegsbeginn. Da- runter warenWiderstandskämpfer aus den besetzten Staaten wie Jean Lafaurie. Etwa 30.000 Juden wurden wie Herr Naor aus anderen Lagern zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie hierher verbracht. Ihre Vernichtung durch Arbeit war einkalkuliert; etwa die Hälf- te überlebte nicht. Auch einige Jüdinnen waren darunter – wie Miriam Rosenthal, Ihre Mutter, lieber Herr Rosenthal. Ihre Mutter hat Sie in Kaufering zur Welt gebracht, in einem der schlimmsten Dachauer Außenlager. Und Sie beide überlebten das Grauen. Das grenzt an einWunder. So wie das Engagement der Überlebenden für diese Gedenk- stätte. Ohne die Überlebenden, ohne das Internationale Häft- lingskomitee Dachau gäbe es diesen Ort nicht. Vor 60 Jahren wurde die Gedenkstätte Dachau eröffnet. Die erste KZ-Gedenk- stätte in der damaligen Bundesrepublik. Es waren ehemalige Inhaftierte, die Dachau als Gedenkort der nationalsozialisti- schen Verbrechen gesichert haben. Sie mussten das erstreiten gegen eine Gesellschaft, die am liebsten weiter geschwiegen hätte. Und so schnell wie möglich vergessen wollte. Ich danke allen, die sich gegen das Vergessen und für unsere aktive Erinnerungskultur engagieren. Gegen vieleWiderstände. Hier in der Gedenkstätte Dachau und an vielen anderen Orten. Sie arbeiten unermüdlich daran, vor allem jungen Leuten das Unbegreifliche klarzumachen. Ich finde es sehr wichtig, dass Sie dafür auch die Sozialen Medien nutzen – oder wie ich sie nenne: „Digitale Theken“. Auch wenn Aufklärungsarbeit auf Tiktok zu Holocaust und nationalsozialistischen Verbrechen im ersten Moment befremdlich wirkt:Wir müssen dort mit unse- ren Informationsangeboten präsent sein und streitbar Position beziehen, wo die Menschen aktiv sind. Ihre Arbeit ist wertvoll und sehr wichtig. Das formelhafte Be- schwören von historischen Lehren und guten Absichten bei Gedenkveranstaltungen reicht nicht. Es macht mich traurig, dass mehr als 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland angeben, dass Judenhass in ihrem Leben ein großes Problem darstellt. Und es macht mich wü- tend, dass antisemitische Straftaten jedes Jahr neue Rekord- höhen erreichen. Ich war erschrocken, als ich im vergangenen Jahr die Zahlen des Bundeskriminalamtes für 2023 gehört habe. Antisemitische Straftaten haben um rund 96 Prozent zugenommen, in dem Bericht wurden 5.164 aufgeführt. Jeden Tag 15 Straftaten gegen Jüdinnen und Juden. Übrigens: Im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 7. Oktober gab es im Jahr 2023 weniger Übergriffe als nach dem Überfall der Hamas auf Israel, also vom 8. Oktober bis 31. Dezember. Obwohl das Jahr im Oktober bekanntlich schon zu Dreiviertel vorbei ist. Resonanzstraftaten nennen das die Ermittlungs- behörden. Auch sie beginnen übrigens häufig durch Verabre- dungen in Sozialen Medien. Es braucht schon dort unser aller Widerpruch. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat gesagt: Gedenkstätten – ich zitiere – „dienen der Sinnstiftung für die politische Kultur des demokratischen Staates“. Unsere Demo- kratie braucht eine politische Kultur, die im Andersdenkenden nicht den Feind sieht.Wir brauchen eine politische Kultur, die den Streit um unterschiedliche Anschauungen und gegensätz- liche Interessen möglich macht – die aber niemals Menschen persönlich bekämpft. Wir wissen aus der deutschen Geschichte, was möglich ist. Die Nationalsozialisten zerstörten die Menschenwürde syste- matisch und millionenfach. Deswegen steht genau diese Menschenwürde in unserem Grundgesetz an erster Stelle. Und deswegen setzt die Verfas- sung dem Demokratieprinzip Grenzen. Grundrechte, Rechts- staat und Minderheitenrechte sind unverzichtbar. Sie erst machen unsere freiheitliche Demokratie aus. Charlotte Knobloch hat uns alle im Jahr 2021 bei der Gedenk- stunde im Deutschen Bundestag nachdrücklich gebeten: „Passen Sie auf auf unser Land!“ Ich werde alles tun, was mir möglich ist. Als Bundestags- präsidentin und als Deutsche, die dieses Land liebt.
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