Stiftungsbericht 2020-2025
154 REDEN | POLITIK UND GESELLSCHAFT ©KZ-Gedenkstätte Dachau Politik und Gesellschaft Zunächst begrüße ich herzlich die Überlebenden und Befreier: Sehr geehrter Herr Lafaurie, Herr Naor, Herr Rosenthal, Herr Candotto, Herr Finsches, Frau Farbmann, Herr Legmann, Königliche Hoheit, sehr geehrter Herr Gahs! Sehr geehrte Frau Staatsministerin, Frau Präsidentin des Landtags, Exzellenzen, sehr geehrter Herr Freller, Frau Dr. Hammermann, sehr geehrter Herr Boueilh, meine Damen und Herren! Weimar und Dachau trennen etwa 400 Kilometer. Oder ein Tag. Am 22. März 1933 mussten hier in Dachau zum ersten Mal Gefangene des NS-Regimes durch die Pforten eines Konzen- trationslagers fahren. Pforten, die bis dahin zum Pförtnerhaus eines Fabrikgeländes gehörten. Einen Tag später stimmte der Reichstag in Berlin dem Ermächtigungsgesetz zu und besiegel- te das Ende der Weimarer Demokratie. Ein Tag. Als Weimar am Ende war, begann es hier in Dachau. Die ersten Opfer eines Regimes, das Angst und Gewalt als seineWerkzeu- ge wählte, wurden hierhin gebracht. Dachau steht damit am Anfang des Terrors, der im Völkermord endete. Hier wurde aus Terror ein System. Es waren zu Beginn die politischen Gegner, die ihre Stimme am stärksten gegen den Nationalsozialismus erhoben hatten. Mu- tige Männer und Frauen, die sich dem Zwang und der Unter- drückung entgegenstellten. Als Präsidentin des Deutschen Bundestages verneige ich mich heute vor ihnen. Kurt Schumacher, der erste SPD-Vorsitzende nach dem Zwei- tenWeltkrieg, verbrachte mehr als sieben Jahre seiner Leidens- zeit in Dachau. Er starb 1952 an den Spätfolgen seiner Haft in den Konzentrationslagern, die seinen Körper stark geschwächt hatte. Viele Insassen überlebten bereits die Haft in Dachau nicht. Das KZ Dachau war das zynische Vorbild für die Nationalsozialisten. Ein erster Ort, an dem nichts galt, außer der Willkür der SS. Die Opfer, die Inhaftierten sollten durch Gewalt und Schikane systematisch gebrochen werden. „Der Mensch im Häftling sollte zugrunde gehen.“ So hat es der Zentrumspolitiker und katholische Arbeiterführer Josef Joos gesagt. Er war von 1941 bis 1945 in Dachau inhaftiert. Zwölf Jahre lang wurden im Konzentrationslager Dachau Menschen erniedrigt, gequält, gefoltert, bestialisch getötet. Bis am 29. April 1945 die Soldaten der 7. US-Armee hier eintrafen. Tausende wurden noch in den letzten Tagen von ihren deut- schen SS-Bewachern ermordet oder kamen auf den Todes- märschen ums Leben. Auch in denWochen nach der Befreiung starben entsetzlich viele der ehemaligen Häftlinge. Sie waren ausgezehrt von Hunger, Krankheit und Leiden. Es ist für mich so unvorstellbar, was an Orten wie diesem ge- schehen ist.Was Sie und etwa 200.000 andere Menschen aus ganz Europa hier im Konzentrationslager Dachau und seinen zahlreichen Außenlagern durchlitten haben. Der Deutsche Bundestag hat im Januar an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Ausschwitz vor 80 Jahren erinnert und der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft gedacht. In wenigen Tagen jährt sich das Ende des ZweitenWeltkrieges zum 80. Mal. Auch daran werden wir im Deutschen Bundestag im Rahmen einer Gedenkstunde erinnern. Julia Klöckner, MdB Präsidentin des Deutschen Bundestages 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 4. Mai 2025
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