Stiftungsbericht 2020-2025

152   REDEN | NACHKOMMEN ©Bildarchiv Bayerischer Landtag / S. Obermeier Nachkommen Sehr geehrte Damen und Herren, mein Urgroßvater Julian Barty ś war ein Häftling im Konzentra- tionslager in Dachau, nach zwei Jahren wurde er in die Tö- tungsanstalt Hartheim überstellt und dort ermordet. Er war ein Philosophielehrer, der nach der Schließung polnischer Schulen durch die Gestapo zur geheimen Lehrerorganisation gehörte. Der geheime Unterricht fand in kleinen Gruppen in Privatwohnungen statt und wurde von den Besatzern rück- sichtslos bekämpft. Die beteiligten Lehrer arbeiteten immer unter Lebensgefahr. Sein Engagement und die Beteiligung an Widerstandsaktionen haben dazu geführt, dass mein Urgroß- vater auf demWeg nach Hause verhaftet und nach Dachau verschleppt wurde. Die ganze Familie hat auf ihn gewartet. Leider kam nach etwa zwei Jahren die traurige Nachricht, dass er im KZ Dachau an Lungenentzündung gestorben wäre. Niemand wusste damals, dass er in Hartheim gewesen war. Seine Frau und seine Kinder hatten Jahrzehnte lang keine Informationen, wo sein Grab war, das sie hätten besuchen können. Ich lebe seit 20 Jahren mit meiner Familie in München und habe seitdem versucht, Informationen über den Ort seiner Be- stattung herauszufinden. Dank der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung habe ich erfahren, dass die Urne mit seiner Asche hier auf diesem Friedhof beigesetzt wurde. Sein Name steht jetzt auf der Gedenktafel. Aus eigener Erfahrung kann ich ver- stehen, dass es für Angehörige wichtig ist, den Namen an einem Grab wiederzufinden: Der Verstorbene ist nicht mehr anonym, mein Urgroßvater hat seinen Namen zurückbekom- men. Es ist so, als würde er jetzt nach Hause zurückkehren. Für mich und meine Familie ist dies ein besonderer Ort, und er hat eine große emotionale Bedeutung. Als ich erfahren habe, wo seine Urne bestattet ist, war ich fassungslos vor Freude. Jetzt können wir ihn besuchen, eine Kerze in den Grablampen anzünden. Magdalena W ęż yk Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus am Ehrenhain I am Friedhof am Perlacher Forst am 25. Januar 2023 Am 1. September 2021 war ich bei der Einweihung der neuen Gedenkstätte anwesend, ein für mich sehr berührendes und bewegendes Ereignis. Ich bedaure nur, dass meine Urgroßmut- ter, seine Kinder und mein Vater das nicht miterleben konnten, aber ich habe ihren sehnlichenWunsch, den Bestattungsort zu finden, erfüllt. Über meinen Urgroßvater erzähle ich meinen Kindern, damit die Erinnerung an ihn nie stirbt. Ich bedanke mich, dass ich meine Geschichte mit Ihnen teilen konnte.

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