Stiftungsbericht 2020-2025
NACHKOMMEN | REDEN 149 Mein Großvater war eine tragende Säule der frühen Erinne- rungsarbeit. Er bewahrte in den dunkelsten Stunden seine Menschlichkeit. Ich jedoch habe ihn nie kennenlernen dürfen. Wie kann ich – als jemand ohne direkte Verbindung zu seinem konkreten Leiden – dieseWorte sprechen? Zunächst fühlte es sich an, als würde ich etwas beanspruchen, das mir nicht zusteht. Doch im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte wurde mir klar: Gedenken ist ein gemein- sames Erbe. Es geht uns alle an. Es ist keine Frage persönlicher Erlebnisse, sondern ein Akt der Verantwortung – für die Opfer, für die Nachkommen und für die Gesellschaft, in der wir leben. Heute hier zu stehen, ist deshalb nicht nur eine Ehre, sondern eine Verpflichtung. In den stillen Momenten, während ich diese Rede verfasste, drängte sich mir immer wieder dieselbe Frage auf:Wäre ich damals bereit gewesen, wirklich alles zu riskieren und so viel Mut und Courage aufzubringen? Ich weiß es nicht. Doch ich bewundere meinen Großvater und all jene, die dem Unrecht mit unbeugsamem Mut entgegentraten. Ihre Kraft schenkt uns heute die Freiheit, solche Fragen überhaupt stel- len zu können. Jede Generation trägt die Aufgabe, das Gedenken aufrechtzu- erhalten und die nächsten Generationen zu sensibilisieren. Gedenkstätten wie Dachau sind keine bloßen „Museen des Schreckens“, sondern Lernorte und Mahnmale. Sie mahnen uns, Menschenrechte, Toleranz und demokratisches Engage- ment täglich zu verteidigen. Eine aktive Erinnerungskultur bedeutet, die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit zu sehen, mutig gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit einzutreten und statt Ausgrenzung mehr Solidarität zu leben. Wir stehen an einer Schwelle: Bald wird es keine Überlebenden mehr geben, die aus erster Hand berichten können. Umso wichtiger ist es, ihre Erzählungen und ihr Erbe zu bewahren – in Archiven, in Gedenkstätten, in digitalen Projekten … und vor allem in unseren Herzen. IV. Der Blick nach vorne Die Gedenkarbeit, zu der mein Großvater und viele andere Überlebende den Grundstein gelegt haben, braucht unsere aktive Mitwirkung. Gedenken ist keine Frage des Alters, der Religion oder der Herkunft, sondern unsere gemeinsame Verantwortung für eine menschliche Gesellschaft. Halten wir das Andenken an die Opfer des Krieges und aller Konzentrationslager in Ehren. Dann leisten wir einen Beitrag zur Verteidigung der Würde aller Menschen. Meine Damen und Herren, wir stehen hier im Dachauer Schloss – jenem Ort, an dem man schon im November 1945 weltweit über Radio an die Opfer des KZ Dachau erinnerte. Dieser Ort ist ein Symbol für das Wunder des Überlebens und Weiterlebens nach unvorstellbaren Verbrechen. Auch für meinen Großvater, Dr. Paul Husarek, war Dachau nicht nur ein Ort des Grauens. Es war ein Ort, an dem er seine Menschlichkeit bewahren konnte – und an dem er entschied, gemeinsam mit anderen für eine offene, gerechte und erin- nernde Gesellschaft zu kämpfen. Lassen Sie uns diese Verpflichtung mitnehmen. Lassen Sie uns gemeinsam wachsam bleiben. Und lassen Sie uns gemeinsam dafür einstehen, dass sich solche Verbrechen nie wiederholen. Vielen Dank.
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