Stiftungsbericht 2020-2025

148   REDEN | NACHKOMMEN Nachkommen Heute, fast 80 Jahre später, stehen auch wir an diesem Ort, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. In diesem Rahmen richten wir unseren besonderen Fokus auf die Opfer des Konzentrationslagers Dachau. I. Die Geschichte meines Großvaters Als Enkel von Dr. Paul Husarek ist es mir eine Ehre, sein Leben undWirken mit Ihnen zu teilen. Er wurde 1903 in Mährisch Aussee geboren, im heutigen Tschechien. Er studierte Philologie in Prag und Paris und war bis 1938 Sprecher der deutschen Sendungen beim Prager Rundfunk. Zudem arbeitete er als Übersetzer, Korrektor und Autor. Im September 1940 wurde er von der Gestapo verhaftet, unter anderem weil er an einem Buch über bedeutende Frauen seiner Zeit in einem jüdischen Verlag mitwirkte. Im März 1941 deportierte man ihn nach Dachau, wo er die Häftlingsnummer 24175 erhielt und bis zur Befreiung im April 1945 inhaftiert blieb. In einem Interview kurz nach seiner Befreiung berichtete er von den grausamen Misshandlungen im KZ Dachau, unter anderem dem sogenannten Pfahlhängen, das ihn zeitweise so sehr schwächte, dass er sich nicht einmal selbst versorgen konnte. Erst als ich mich in seine Biografie vertiefte, verstand ich, wie schnell er – trotz allen erlittenen Leids – eine Schlüsselrolle im befreiten Lager einnahm. II. Engagement nach der Befreiung Unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gründeten die Überlebenden das „International Prisoners Committee“ (IPC), eine Häftlingsselbstverwaltung. Sie arbeiteten eng mit der US-Militärregierung zusammen und organisierten die Rückkehr der befreiten Häftlinge. Mein Großvater wurde Leiter der Abteilung „Press and Culture“. Trotz der unvorstellbaren Schrecken, die er erlebt hatte, ent- schied er sich, an diesem Ort zu bleiben. Er wollte das Geden- ken an die Opfer wachhalten und dennoch den Neuanfang wagen. Er gründete eine Familie in Dachau – ein mutiger Schritt und ein Zeichen für seine tiefe Überzeugung von Versöhnung und Glauben an einen Neubeginn. Im Herbst 1945 wurde er dann zum Leiter des „International Information Office“ (IIO) ernannt. Diese Einrichtung unter- stützte Überlebende, stellte Haftzertifikate aus, koordinierte frühe Gedenkfeiern und bereitete Publikationen wie „Die Toten von Dachau“ vor. Er spielte dabei eine zentrale Rolle und nutzte seine Sprachkenntnisse, um den Opfern eine Stimme zu geben. SeinWerk „Die Toten von Dachau: Deutsche und Österreicher – Ein Gedenk- und Nachschlagewerk“ zeugt von seinem un- ermüdlichen Einsatz für die Erinnerung. Es ist bis heute von großer Bedeutung. So kurz nach der Befreiung half er zudem, die Verbrechen zu dokumentieren, und unterstützte die US-Militärregierung bei den Dachauer Prozessen. Obwohl er selbst traumatisiert war, machte er es sich zur Aufgabe, das Gedenken an die Opfer lebendig zu halten und seine Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Die unmittelbare Nachkriegszeit war von einem schwierigen Neubeginn geprägt. Die Überlebenden rangen mit lebens- langen Traumata. Doch sie setzten sich früh für die Erinnerung an die Toten ein und für das Wunder des Überlebens – und des Weiterlebens. III. Verantwortung heute Rund 80 Jahre nach der Befreiung der NS-Konzentrationslager sind wir verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen. Verant- wortung dafür, das Andenken an die Opfer wachzuhalten und die Lehren aus dieser dunklen Zeit niemals zu vergessen. Dieser Gedenkakt mahnt uns, den Schrecken der Vergangen- heit nicht aus dem Bewusstsein zu verlieren. In einer Zeit, in der die Stimmen der Zeitzeugen immer leiser werden, ist es unsere Pflicht, ihre Geschichten zu bewahren und eine aktive Erinnerungskultur zu gestalten.   Als mich die Einladung erreichte, heute hier zu sprechen, rief das in mir einen inneren Zwiespalt hervor.

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