Stiftungsbericht 2020-2025

NACHKOMMEN | REDEN   147 Nachkommen Sehr geehrte Überlebende, Hinterbliebene, verehrte Gäste, ich möchte mit einem Gedicht meines Großvaters, Dr. Paul Husarek, beginnen. Unsere Toten* Graue Schatten sind wir, wesenloseWesen, sind die Opfer einer Welt des Bösen, einer Welt, die Mord und Tötung setzte, Menschenrecht mit Füßen trat, verletzte, Menschen quälte, weil sie anders dachten, weil sie über Recht und Freiheit wachten! Graue Schatten sind wir, sind gewesen! Wir war’n Menschen – fühlten Schmerz und Leiden, hatten Kinder, fanden Glück und Freuden, hatten Augen, Sonnenschein zu sehen und die Blumen, die amWege stehen, hörten Lied undWort und nahmen Trank und Speise, lebten, darbten, schafften wie es Menschenweise … Graue Schatten sind wir nun und sind gewesen!   Und wir starben … Starben, um zu leben! Wofür haben wir den Atem hingegeben? Hat man uns nicht darum totgeschlagen, weil wir Frieden, Freiheit, Recht getragen in die Hölle, wohin sie uns trieben? Sind wir uns und euch nicht treu geblieben? Schatten sind wir, um in euch zu leben! Schatten? Tote? Sind die nicht gestorben? Aus der Welt? Vergessen und verdorben? Können Tote reden? Worte stammeln? Sich wie Menschen finden und versammeln? Tote schweigen … Schweigen Tote? Hört sie reden: „Ihr seid mitten drin im Leben. Ihr seid Bürgen für die Güter, David Husarek Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus im Schloss Dachau am 23. Januar 2025 die das Leben wertvoll machen. Ihr seidWahrer, ihr seid Hüter, ihr seidWächter, ihr müsst wachen, müsst euch mühen, ihr müsst streben, dass wir nicht zu Narren werden, dass nicht wieder tausend sterben, hunderttausend, so wie wir! Tote sind wir, doch wir leben!“ Tote leben … und ihr wunderliches Schweigen klingt und singt um uns wie ferne Geigen, füllt dieWelt mit brausenden Chorälen, die von ihrem Sterben uns erzählen und uns mahnen, Freiheit, die wir meinen, mit dem Recht des Menschen zu vereinen. Jene, die dieWelt in Nacht und Nebel schlugen, Mord und Grauen in den Händen trugen, sind besiegt … Doch ihre Opfer, unsere Toten, haben uns die heilige Pflicht entboten, ihrem Sterben letzten Sinn zu geben: mit der Freiheit krönen wir das Leben, ehren wir die Toten, die gewesen! Während ich dieseWorte lese, frage ich Sie, meine Damen und Herren:Was empfinden Sie? Spüren Sie die Last der Geschichte, die uns heute hier zusammenführt? Das Gedicht meines Groß- vaters spricht direkt zu uns. Es fordert uns auf, die Erinnerung wachzuhalten und unsere Verantwortung anzunehmen. Vor fast 80 Jahren stand mein Großvater hier im Dachauer Schloss und erinnerte, zusammen mit anderen Überlebenden, an die Opfer des Konzentrationslagers Dachau – in einer Zeit, in der Hoffnung nur schwer vorstellbar war, initiierte er mehrere Gedenkveranstaltungen. * Quellennachweis: KZ-Gedenkstätte Dachau, DaA 6217, 4506 ©Bildarchiv Bayerischer Landtag / M. Balk

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