Stiftungsbericht 2020-2025

146   REDEN | NACHKOMMEN Nachkommen ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Sehr geehrte Überlebende, lieber Papa*, die Menschheit scheint leider selten aus der Geschichte zu lernen, und der Holocaust ist keine Ausnahme, obwohl kein anderer Völkermord so ausführlich dokumentiert wurde wie diese menschliche Katastrophe. Trotzdem gibt es jetzt wieder Verneiner, Menschen, die behaupten, er wäre nicht geschehen. Mein Vater, mit dem ich, meine Mutter und meine Tochter heute hier sind, wurde als 13-jähriger Junge mit seiner Familie aus seinem Heim in Lodsch ins Ghetto Litzmannstadt kom- mandiert. Hier wohnte er mit seiner Mutter und seinen vier älteren Schwestern viereinhalb Jahre und wurde dort zu schwerster, körperlicher Arbeit in verschiedenenWerkstätten gezwungen. Später zogen die Schwester seiner Mutter und ein Cousin auch noch in die kleine Ghettobehausung, bevor die Familie weiter nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurde. Dort wurden seine Mutter, die Tante und seine Schwestern von Dr. Mengele an der Rampe aussortiert. Seine Mutter und Tante wurden direkt als arbeitsunfähig beurteilt und am sel- ben Tag in den Gaskammern ermordet. Mein Vater stand nun völlig allein in einem dunklen, unvorstell- baren Alltag. SeinWeg führte ihn weiter durch verschiedene Lager: von Auschwitz nach Groß-Rosen, Flossenbürg und Natz- weiler-Struthof. Sein und das Leben seiner Mithäftlinge war voller Grausamkeit und Entbehrungen. Schließlich wurde er auf vielen Umwegen von der französischen Armee bei Donau- eschingen befreit und wog bei der Einlieferung in ein franzö- sisches Sanatorium knappe 35 Kilogramm. Nach der Befreiung hatten aus seiner Familie von 80 Personen nur 16 den Krieg überlebt. Jetzt, wo er zurück nach Flossenbürg gekehrt ist, geht ihm immer noch ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er den ehemaligen Appellplatz betritt. Der Körper erinnert sich in- stinktiv an die Kälte und die Plagen, die er und seine Leidens- Emilia Rotstein 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 27. April 2025 genossen seinerzeit durchlitten haben. Hunger und Kälte sind bis heute in seinem Inneren direkt fühlbar. Heute erinnern wir uns an die Befreiung dieses Arbeitslagers durch amerikanische Soldaten unter dem Kommando von General Patton. Im Lager befinden sich nur noch Schatten von Menschen. Leider erleben wir in der jetzigen Zeit überall wieder rechts- radikale Kräfte, deren Propaganda und Standpunkte wir glaubten, schon längst in der tiefsten Geschichte begraben zu haben. Unsere Aufgabe ist heute, ihnen mit aller Kraft zu widerstehen und ihren Lockrufen nicht zu folgen. Im Gegenteil, wir müssen äußerst wachsam sein und sie ernst nehmen, denn sie meinen, was sie sagen. Alle Menschen gutenWillens müssen dafür ein- treten, dass die Ereignisse, die vor knapp hundert Jahren hier geschahen, sich nicht wiederholen. Bald sind die letzten Zeitzeugen nicht mehr im Stande, ihre Er- lebnisse selbst wiederzugeben, und es wird unsere Verantwor- tung sein, ihre Stimmen weiter klingen zu lassen. Papa, wir tragen DeineWorte und Erinnerungen im Herzen mit uns und versprechen Dir, dass wir nicht indifferent daneben- stehen werden, wenn Unrecht geschieht und demokratische Werte angegriffen werden. Ich möchte hier auch einen Dank aussprechen an all die Menschen, die jeden Tag unermüdlich an dieser und ähnlichen Gedenkstätten gegen das Vergessen und für dieWürdigung aller Opfer des Nationalsozialismus arbeiten. Das Vergessen würde den Opfern abermals das Leben rauben. Danke. * LeonWeintraub, Anmerkung der Redaktion

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