Stiftungsbericht 2020-2025
142 REDEN | ÜBERLEBENDE UND BEFREIER ©KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / T. Dashuber Sehr herzlich möchte ich die Überlebenden dieses Konzen- trationslagers begrüßen, die es geschafft haben, hier an dem Gedenkakt zum 78. Jahrestag der Befreiung teilzunehmen. In diesem Jahr ist nur noch eine sehr kleine Gruppe von Überlebenden mit dabei, da nur noch wenige in der Lage sind, diese anstrengende Reise zu unternehmen. Ich begrüße die Vertreter der Behörden und aller Organisationen, die an diesem Gedenktag teilnehmen und unsere Gedenkstätte fördern. Heute, am 23. April, treffen wir uns hier an diesem Platz wieder, an einem Ort, wo so viel Tragisches geschehen ist. Wir würdigen heute alle, die einer unmenschlichen, national- sozialistischen Ideologie zum Opfer gefallen sind. Ich denke ganz besonders an Jack Terry und Max Glauben, die ich hier persönlich viele Jahre getroffen habe.Wir trauern auch um alle, die unter dieser Ideologie gelitten haben und im vergangenen Jahr verstorben sind. Wir, die Überlebenden, schätzen den Einsatz aller Mitarbei- ter dieser Gedenkstätte, die die Erinnerung an das tragische Schicksal der Häftlinge nicht in Vergessenheit geraten lassen. In meinem und im Namen der anderen Überlebenden, die ich heute hier repräsentiere, möchte ich Euch unseren Dank aussprechen: Ich möchte Euch danken für Eure unermüdliche Energie, jährlich unser Treffen zur Erinnerung an diese Ge- schehnisse vorzubereiten und durchzuführen, wie auch für Eure täglichen Aktivitäten, über Vorurteile, Feindschaft gegen Andere und Anderssein, durch Aufklärung und großes Engage- ment, tiefes, gegenseitiges Verständnis zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen zu lehren und zu verbreiten. Mit sehr großem Bedauern sehen wir, wie sich heutzutage mehr und mehr rechtsradikale Gruppen mit Schlagworten und Symbolen, die sehr an Nazisymbole erinnern, in diesem Lande sowie auch in vielen anderen Ländern breitmachen. Es ist im LeonWeintraub 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 23. April 2023 Namen aller Ermordeten, dass wir davor warnen müssen, wohin ein degenerierter und inhumaner Nationalismus, an- gekurbelt durch die Feindlichkeit gegen Menschen anderer Kultur- und Religionsgemeinschaften, führt. Heute appelliere ich an alle, an die Menschen gutenWillens: Lasst die Erinne- rung an den Holocaust nicht ins Vergessen geraten! Diese Tragödie wurde hervorgerufen durch eine Ideologie, die anfing mit Rassismus. Gleichzeitig wurde zur Feindschaft gegenüber den „Anderen“ aufgerufen, was im Endresultat zur Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen und zu einem Europa in Ruinen führte. Mit großer Sorge nehmen wir wahr, dass die Ukraine, ein Nach- barland, von Russland überfallen wurde.Wir hoffen, dass es der Ukraine mit Hilfe von allen demokratischen Staaten gelingen wird, diesen rücksichtslosen Aggressionskrieg erfolgreich zu beenden. Wir, die am eigenen Leibe erfahren haben, welche Folgen überstiegener Nationalismus und unter falschen Vorwänden entfachte Kriege haben, müssen den Angreifer verurteilen. Abschließend möchte ich Euch einigeWorte mit auf denWeg geben: Als Geburtshelfer und Frauenarzt kann ich Euch ver- sichern, dass das Neugeborene das Licht der Welt erblickt ohne Ansichten und Vorurteile; ein Kind wird als Mensch geboren. Es ist unsere Aufgabe es zu lehren, ein Leben lang Mensch zu sein und zu bleiben. LeonWeintraub (Jahrgang 1926) aus dem polnischen Lodsch wird 1940 mit seiner jüdischen Familie zunächst in das dortige Ghetto und im August 1944 in das Vernich- tungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Er überlebt auch die Konzentrationslager Groß-Rosen, Flossenbürg sowie Natzweiler-Struthof. Heute lebt er in Schweden. Überlebende und Befreier
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