Stiftungsbericht 2020-2025
138 REDEN | ÜBERLEBENDE UND BEFREIER Überlebende und Befreier Heute Morgen, nach dem Aufwachen, habe ich mich gefragt, wie kann ich Sie, verehrtes Publikum, erreichen, berühren, welcheWorte soll ich wählen. In meinen Erinnerungen habe ich 2014 geschrieben: „Ich mache mir große Sorgen um meine Kinder, um alle Kinder. Der Nahe Osten ist, wie man so sagt, ein Pulverfass. Ein Funke würde genügen, und sie gingen alle unter in dem Brand. Am liebsten würde ich meine Familie nach Deutschland bringen, denn dieses Land dürfte für die nächsten hundert Jahre am sichersten für Juden sein.“ Vielleicht denke ich nur deshalb so, weil ich ein Holocaust-Überlebender bin, dem Verfolgung und Tod in den Knochen stecken, mit seinem Blut durch seinen Körper fließen, bis das Herz aufhört zu schla- gen. Am 7. Oktober, wir nennen ihn den Schwarzen Shabbat, wurde von den islamistischen Judenhassern der Hamas der Funke entzündet, den ich kommen sah. Ich wünschte, ich hätte mich damals, 2014, getäuscht. Aber habe ich mich in Deutsch- land getäuscht? Nein. Die deutsche Regierung steht an der Seite Israels. Israel braucht, während der internationale Druck auf uns wächst, Hilfe und Solidarität, um seinen Kampf gegen die Terrororganisation Hamas und ihre Verbündeten fortzu- setzen – das ist kein Rachefeldzug, wie manche behaupten, wir müssen das tun, weil eine Niederlage zur Auslöschung des einzigen jüdischen Staates auf der Welt führen würde, wie das die Hamas in ihrer Gründungscharta als Ziel festgeschrieben hat. Das wäre, bitte machen Sie sich das klar, Hitlers später Triumph, nachdem sein Regime sechs Millionen europäische Juden ermordet hat. Aber Deutschland zeigt seit dem 7. Oktober noch ein anderes, mich erschreckendes Gesicht: Jubel auf den Straßen und in den Sozialen Medien, und nicht nur von türkisch-arabischstämmi- gen, sondern auch Herkunftsdeutschen, über das schlimmste Massaker an Juden seit der Shoa mit 1.200 abgeschlachteten, gefolterten, vergewaltigten Männern, Frauen und Kindern, Tausenden von Verletzten und 240 Geiseln. Das kalte Schwei- gen, mit dem große Teile der Kultur- und Kunstszene auf das Verbrechen reagiert haben – bis hin zu den Erklärungen von sogenannten Intellektuellen, man müsse den Terrorangriff in seinem historischen Kontext als Befreiungskampf sehen. Ich frage mich, für welche Freiheit kämpfen Menschen, die ein neun Monate altes Baby, Kfir Bibas, entführt haben und in der Geiselhölle noch immer festhalten. Am Donnerstag wurde der kleine Rotschopf aus dem Kibbuz Nir Oz ein Jahr alt, wenn er denn noch lebt. Ich denke an die sprunghaft gestiegene Zahl an antijüdischen Vorfällen und Übergriffen auf der Straße, in den Schulen, im Alltag der deutschen Juden seit dem 7. Okto- ber, auch in Bayern. Ich unterschreibe die politische Forderung nach härteren Strafen für antisemitische Übergriffe und für Hasshetze gegen den Staat Israel. Aber das allein wird nicht reichen:Wir brauchen eine Bildungsoffensive gegen Antise- mitismus in den Schulen und Universitäten, in allen Bildungs- einrichtungen und in Strafverfolgungsbehörden – und dafür müssen die Zeitzeugenberichte eine Grundlage sein. Das sind Sie und ich der dritten Generation schuldig. Verehrtes Publikum, lassen Sie uns alle zu diesem Holocaust- Gedenktag aufstehen gegen den Judenhass, ob er sich gegen Israel richtet oder gegen die jüdischen Gemeinden in Deutsch- land, und für die Demokratie streiten – es geht nicht nur um uns Juden, sondern auch um die Zukunft Ihrer Kinder in einer demokratischen, freien Gesellschaft. Zum Ende zitiere ich meine Enkelin Dana, die mir vor meiner Reise nach Bayern geschrieben hat – und vielleicht berühren ihreWorte Sie wie mich. Sie schrieb: „Ich möchte mich als Vertreterin der dritten Generation des Holocaust bei Dir, lieber Opa, entschuldigen. Meine Generation hat Dich enttäuscht. Wir haben es nicht geschafft, den Antisemitismus auf der Welt auszulöschen, heute tritt er raffinierter auf, er leugnet, antisemitistisch zu sein, bezeichnet sich als anti-israelisch oder pro-palästinensisch.Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns, und es ist mein und meiner Kinder Versprechen an Dich, niemals aufzuhören.“ Abba Naor wird 1928 in Litauen geboren. Mit dreizehn Jahren wird er mit seiner jüdischen Familie in das Ghetto Kaunas deportiert. Er überlebt das KZ Stutthof und die Außenlager Kaufering X und I des KZ Dachau. Heute lebt er in Israel.
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