Stiftungsbericht 2020-2025

ÜBERLEBENDE UND BEFREIER | REDEN   137 band prangt in goldenen Lettern einWort: „Danke“. „Wir – Sie vor allem – können der Welt zeigen, dass es auch anders geht“, schrieb Robert. Oder jenes Mädchen in den USA, das auf die Frage nach demWesen des Nationalsozialismus schrieb: „Hitler wollte den Menschen abschaffen.“ Was sind das für wunderbare Kinder, ich liebe sie, egal ob sie jüdisch oder nicht- jüdisch sind. Wer die Nazi-Diktatur wie ich selbst erlitten hat, weiß, dass ohne Demokratie alles nichts ist, dass keine lebenswerte Zu- kunft sein kann, wenn das grundlegende Prinzip, die Achtung vor der Würde jedes Menschen, nicht gilt. Das Grundgesetz des demokratischen Deutschlands wurde aus der Erfahrung der NS-Verbrechen formuliert. Das ist die Botschaft, die wir Zeitzeugen der Jugend, inzwi- schen schon der dritten und vierten Generation, vermitteln wollen. Und ich vertraue auf sie: Auch die Performance von Schülerinnen und Schülern zeigt heute exemplarisch am The- ma „Antiziganismus“, wie ernsthaft und empathisch sich die junge Generation mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte und der Erinnerungsarbeit auseinandersetzen kann – in welcher Form auch immer, unter Einbindung der Sozialen Medien, als Graphic Novel, über WhatsApp-Kanäle – ob es Rap ist oder Rave oder Hiphop, ich bin da kein Fachmann, aber allem gegenüber aufgeschlossen und tanze mit, wenn es denn nötig wäre. Es gäbe noch andere Beispiele, etwa den israelisch-deutschen Schüleraustausch, der in vielen Städten organisiert wird. Ich machte das jahrelang in Dachau. Ich wiederhole: Die Jugend braucht unsere Unterstützung, sie braucht Hilfe aus der Politik – und das heißt, dass noch mehr Geld als bisher ausgegeben werden muss. Ich weiß, das ist keine populäre Forderung. Ich weiß auch, dass das Land Bayern sehr viel tut für Gedenken und Erinnerung, mehr als so manches andere Bundesland. Aber noch mehr Geld ist notwendig für den Ausbau der histo- risch-politischen Bildung, für eine antisemitismuskritische Erziehung in den Schulen und Ausbildung an den Hochschulen und Universitäten, für die Sensibilisierung der Strafverfol- gungsbehörden – denn was ist das Gedenken wert, wenn es nicht in die Bereitschaft mündet, den erneuten Anfängen zu wehren, wie wir sie in Umfragen und denWahlerfolgen der in Teilen rechtsextremen AfD erkennen müssen. Die Zukunft unserer Demokratie ist bedroht – und glauben Sie mir, die un- zähligen Menschen, verhungert, zu Tode geprügelt, erschossen, die ich auf meinemWeg durch das Ghetto Kaunas, das Konzen- trationslager Stutthof und die Lager bei Kaufering/Landsberg gesehen habe, sie würden sich wünschen, dass jedes Geden- ken an sie den Kampf für eine bessereWelt befördert – so wie die junge Generation das in Zeitzeugengesprächen oft intuitiv erfasst. An dieser Stelle auch einWort zu den Nachkommen der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, nicht nur den Kindern und Enkelkindern der Shoa-Überlebenden, auch zu den Nachfahren der Sinti und Roma, der politischen Gegner des Hitlerregimes, seiner homosexuellen Opfer, all derjenigen, die von der völ- kisch-rassistischen deutschen Gesellschaft ausgegrenzt, ver- folgt oder auch ermordet wurden. Hier und da spüre ich eine Zurückhaltung, Ablehnung sogar, wenn die Nachfahren der Überlebenden sich in der Erinnerungsarbeit engagieren. Das Internationale Dachau-Komitee berät zurzeit, wie man sie einbinden kann, und ich bin der Dachauer KZ-Gedenkstätten- leiterin Gabriele Hammermann dankbar, dass sie uns dabei unterstützt. Der Streit, der da immer mal wieder aufflammt, ist eigentlich völlig unnötig. Zahllose wissenschaftliche Untersu- chungen zeigen, dass die Traumata der Überlebenden auf ihre Nachkommen übergehen. Und wenn – es sind beileibe nicht alle – diese Nachkommen sich mit ihrer Familienbiografie und der Geschichte auseinandersetzen, kann das nur von Vorteil sein und nimmt doch dem Engagement der anderen nichts weg.Wir alle sind so oder so von der Vergangenheit geprägt, nur aus der Erkenntnis daraus können wir die Zukunft gestal- ten – aber gemeinsam, das ist meine Hoffnung. Heute Morgen dachte ich wieder an Abigail. Sie haben viel- leicht über sie gelesen, das dreijährige jüdisch-amerikanische Mädchen, vor dessen Augen die Eltern von den Hamas-Terro- risten am 7. Oktober erschossen wurden. Der Vater hatte sich noch schützend über Abigail geworfen, sie lag unter seiner Lei- che, bis sie hervorkroch und zu Nachbarn in ihrem Kibbuz lief – und dann als Geisel in den Gaza-Streifen verschleppt wurde. Ihren vierten Geburtstag erlebte sie unter den Judenhassern der Hamas, inzwischen ist sie bei einem Austausch freigekom- men. Aber wird Abigail jemals wirklich frei sein in ihrem gan- zen Leben, das noch vor ihr liegt? Ich war es nicht, nachdem ich mit 13 Jahren von den Deutschen und ihren litauischen Kollaborateuren zuerst ins Ghetto und für Jahre in permanente Todesangst in Konzentrationslagern getrieben worden bin. Ja, ich habe es überstanden, aber die Erinnerung ist gegen- wärtig, immer da.Wenn ich esse oder lese oder in eine Unter- haltung vertieft bin, sehe ich meine Mutter, plötzlich tritt ihre Gestalt aus dem Schatten am Ende des Raumes hervor. Sie sieht mich an. Auch jetzt in diesem Moment. Sie können sie nicht sehen, aber ich – und ich verstehe.

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