Stiftungsbericht 2020-2025

136   REDEN | ÜBERLEBENDE UND BEFREIER ©Bildarchiv Bayerischer Landtag / S. Obermeier Sehr verehrte Damen und Herren, sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich Sie nicht alle mit Namen begrüße, obgleich ich heute Abend im Publikum viele mir ver- traut gewordene Gesichter sehe. Zwei Namen will ich jedoch nennen, Ihren, verehrte Frau Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Sie wissen, welch' großen Platz Sie in meinem alten Herzen einnehmen. Und den Namen des Abgeordneten Karl Freller, Di- rektor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, eines Freundes seit vielen Jahren. Dir möchte ich an dieser Stelle auf Hebräisch zurufen: Amcha – Du bist einer von uns. In ein paar Wochen werde ich 96 Jahre alt – und damit bin ich schon mitten im Thema der diesjährigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, hier, im Plenarsaal des Bayerischen Landtags, der Herzkammer der Demokratie.Wir, die Überlebenden der Shoa, werden bald nicht mehr sein. Seit fast schon 20 Jahren wird in der Wissenschaft und Gedenk- stättenpädagogik die Frage gestellt, wie es denn mit der Erin- nerung weitergehen soll ohne uns Zeitzeugen. Darüber spreche ich später noch. Aber noch ist es ja nicht so weit – mein Kardiologe in Israel hat mir kürzlich bei einer Rou- tineuntersuchung erklärt, er werde mir zu meinem 100. Ge- burtstag einen neuen Herzschrittmacher schenken. Also, den lasse ich mir nicht entgehen. Weltweit gibt es geschätzt noch 350.000 Holocaust-Über- lebende. In Israel lebt vielleicht die Hälfte, mindestens aber 125.000 Menschen, die als Kinder dem Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden entkommen sind. Viele der damals Davongekommenen konnten die qualvollen Erinnerun- gen nicht überwinden, sie nahmen sich das Leben, erkrankten psychisch, fassten nie mehr wirklich Fuß in dem Leben danach. Sie sind, wie wir sagen, dortgeblieben – in Auschwitz oder einem der vielen anderen deutschen Vernichtungslager. Nur ein Bruchteil trat als Zeitzeugen auf, wobei wir nicht vergessen wollen, dass auch sie bis 20, 30 Jahre nach Kriegsende schwie- Abba Naor Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayerischen Landtag am 24. Januar 2024 gen, weil sie in Deutschland wie in Israel, in der Zeitgeschichts- Wissenschaft, in der Politik und in der Bevölkerung abgelehnt und nicht gehört wurden.Wir wissen, warum. Es dauerte, bis sich die Einsicht durchgesetzt hatte, dass die unmittelbaren Berichte der Zeitzeugen durch nichts ersetzt werden können, dass sie nicht nur eine wichtige Quelle der historischen Forschung sind, sondern eine weitere große Be- deutung für die Gegenwart und die Zukunft haben. Der 2016 verstorbene Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreis- träger ElieWiesel hat es so gesagt: „Wer einem Zeitzeugen be- gegnet und zugehört hat, wird selbst zum Zeugen.“ Die Begegnung mit einem Zeitzeugen, so habe ich es selbst in 30 Jahren bei meinen unzähligen Zeitzeugengesprächen mit vielen Tausenden von Kindern und Jugendlichen erlebt, ist die beste Prävention gegen das Gift des Antisemitismus, das sich gerade jetzt, nach dem Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober, in Europa und in Deutschland erschre- ckend ausbreitet. Ich habe nach dem Krieg keine sogenannteWiedergutma- chung vom deutschen Staat angenommen. 6.000 Mark für meine geraubte Kindheit und Jugend, für meine Mutter und meine Brüder, der eine, Chaim, erschossen, weil er sich aus dem Ghetto Kaunas schlich, um Brot zu kaufen, der andere, Berale, war fünf, als er mit unserer Mutter Chana in Auschwitz-Birke- nau im Juli 1944 vergast wurde. Niemand kann das wiedergut- machen. Kein Mensch wird als Antisemit geboren – seine Eltern, die ganze Gesellschaft stehen in der Pflicht, die Kinder vor Hass, Antisemitismus und Rassismus zu schützen. Meine „Wieder- gutmachung“ ist das Gespräch mit den Schülern – und die Briefe, die ich von ihnen erhalte. Die Schüler des Maristen-Gymnasiums in Furth etwa schenk- ten mir ein aus ihren Briefen gebundenes Buch, auf dem Ein- Überlebende und Befreier

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