Stiftungsbericht 2020-2025

134   REDEN | ÜBERLEBENDE UND BEFREIER Überlebende und Befreier richtungen geplant waren. Nach einem zweitägigen Todes- marsch von Kaufering kamen die sieben Mütter in Dachau an, wo das Lager am Morgen des 29. April 1945 von der ameri- kanischen Armee befreit wurde. 2010, zum 65. Jahrestag der Befreiung von Dachau, wurde eine Ausstellung zu Ehren der sieben Mütter und ihrer Kinder geschaffen, dank des Engage- ments und der Bemühungen von Dr. Sabine Schalm und Eva Gruberová in enger Zusammenarbeit mit dem Personal der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der Titel dieser Ausstellung lautete: „Sie gaben uns wieder Hoffnung“. Fünf der sieben „Babys“ trafen sich zum ersten Mal nach 65 Jahren bei dieser Veranstaltung wieder! Die sieben schwan- geren Frauen wurden das „Schwangeren-Kommando“, das „schwangere Bataillon“ genannt. Sie unterstützten sich gegen- seitig und gaben sich in diesen unsäglichen Zeiten Kraft, meine Mutter nannte sie ihre „Lagerschwestern“. Ich möchte heute diesen Müttern meine Ehrerbietung erweisen: Elisabeth (Beuji) Legmann (deren Sohn George hier bei uns ist), Dora Löwy, Sara Grün, Ibolya Kovács, Eva Fleischmannová, Magda Schwartz und meine Mutter Miriam Rosenthal, die letzte der sieben Mütter, die im Februar 2018 im Alter von 96 Jahren verstarb. Außerdem traf ich letztes Jahr Lynne Farbman, die heute auch hier ist. Lynne fand heraus, dass ihre Mutter Rachel Senor (geb. Kart- schner, aus Vilnius, Litauen) sie im Außenlager Mühldorf zur Welt gebracht hatte. Meine Mutter wurde immer gefragt: „Wie kannst Du an Gott glauben, nach all dem, was Du gese- hen und selbst durchgemacht hast?“ Ihre Antwort war einfach: „Ich habe ein Baby aus der Hölle zurückgebracht.“ Im Lauf der Zeit werden die Überlebenden und Augenzeugen immer weniger. Die sieben Babys, und nun acht, mögen die jüngsten der Holocaust-Überlebenden sein und könnten sehr wohl die letzten lebenden Verbindungen zum Holocaust sein. Ich war zu jung, um die Schrecken mit eigenen Augen zu sehen und bewusst zu erleben, aber das, was ich „biologische Über- tragung“ nenne – im Mutterleib zu sein und hinter Stachel- draht unter den Sterbenden, Gefolterten und ausgemergelten Gefangenen geboren zu werden und oft wiederholte Geschich- ten meiner Mutter zu hören –, hat mich mit einer erhöhten emotionalen Sensibilität für die nackte Brutalität und das Böse erfüllt, das hier und anderswo begangen wurde. Eine Gedenkfeier ist ein Zeugnis dessen, was früher war. Alle, die heute hier sind, wissen, was geschah und warum es ge- schah – Antisemitismus ist eine Geißel, die als solche mit all ihren Folgen erkannt werden muss. Augenzeugenberichte, Museen, Bücher, Kriegsfilme, Kriegsverbrecherprozesse stehen allen zur Verfügung, die Fragen oder Zweifel haben oder die die Vergangenheit erforschen und mehr erfahren wollen. Es ist unbestritten, dass es mehr Informationen aus erster Hand und mehr dokumentierte Zeugnisse über die von den Nazis begangenen Gräueltaten gibt als bei jedem Krieg vor oder seit dem ZweitenWeltkrieg. Dieser 80. Jahrestag ist daher von zentraler Bedeutung, da die Zahl der Überlebenden und Be- freier rapide abnimmt und mit ihnen auch ihre persönlichen Zeitzeugnisse, die eine lebendige und direkte Verbindung zur Geschichte schaffen. Vor etwa zwei Wochen veröffentlichte die Claims Conference den Bericht „VanishingWitnesses“ („Verschwindende Zeitzeu- gen“). Die Analyse der Bevölkerungsprognosen und Sterblich- keitsraten liefert folgende Prognosen bis 2040: Etwa 50 Prozent aller Holocaust-Überlebenden werden innerhalb der nächsten sechs Jahre sterben, 70 Prozent innerhalb der nächsten zehn Jahre und 90 Prozent innerhalb der nächsten 15 Jahre. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Gräueltaten, die Millionen und Abermillionen unschuldiger Menschen erlitten haben, weiterhin erzählt und dokumentiert werden und nicht im Mülleimer der Geschichte landen. Es ist unsere sehnlichste Hoffnung, dass historische Stätten in ganz Deutschland, Polen und in ganz Europa als „Leuchttürme“ er- halten bleiben, um alle anzuziehen, die Neugierigen, die Zweif- ler und die Leugner, dass Museen weiterhin gedeihen, dass die Bildung verbessert wird, damit zukünftige Generationen wissen und verstehen, wozu Menschen fähig sind, und was Menschen anderen Menschen antun können. Hass, Antisemitismus, Apathie, Gleichgültigkeit und Schweigen können die Schrecken der Vergangenheit wieder auferstehen lassen. Beten wir alle, dass dies nie wieder geschieht. Ich danke Ihnen. Möge Gott uns alle segnen. Leslie Rosenthal wird am 28. Februar 1945 im Außenlager Kaufering I des KZ Dachau geboren. Seine Mutter Miriam Rosenthal, eine ungarische Jüdin, wird vomVernichtungs- lager Auschwitz-Birkenau in das KZ Dachau deportiert. Er ist eines von sieben Kindern, die im KZ-Außenlager Kaufering I geboren werden und überleben. Heute lebt er in Kanada.

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