Stiftungsbericht 2020-2025

©KZ-Gedenkstätte Dachau ÜBERLEBENDE UND BEFREIER | REDEN   133 Ich möchte Dr. Hammermann meinen Dank aussprechen, dass sie mich eingeladen hat, heute hier bei diesem bedeuten- den Ereignis zu sprechen, der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Ich begrüße alle Amts- undWürdenträger, Befreier, Überlebende und ihre Familien sowie alle anderen Gäste. Meine Damen und Herren, mein Name ist Leslie Rosenthal, und ich bin hier sowohl als Überlebender als auch als Nachkomme. Beides ist untrennbar miteinander verbunden, denn, sehen Sie, zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 wurden ich und sechs weitere Kinder in einem Konzentrationslager etwa 65 Kilometer von hier ent- fernt geboren. Dies ist mein sechster Besuch in Dachau. Ich werde diese Reise mit so vielen meiner Kinder und Enkelkinder wie möglich fort- setzen. Vor zwei Jahren hatte ich die Ehre und das Privileg, die Ausstellung in der GedenkstätteWeingut II (heuteWelfenka- serne in Landsberg am Lech) zu eröffnen, welche die elf Kaufer- inger Konzentrationslager zum Thema hatte, alles Außenlager von Dachau. Ich spreche zu Schülern, und die erste Frage, die ich ihnen stelle, lautet: „Wer von euch hat eine Geburtsurkunde?“ Aus- nahmslos heben alle ihre Hand. „Nun“, fahre ich fort, „ich habe keine. Seht ihr, ich wurde in einem Konzentrationslager geboren. Die Nazis stellten nicht nur keine Geburtsurkunden aus, sie stellten auch keine Sterbeurkunden aus.“ Mein Reisepass hat als Geburtsort Kaufering, DEU, 28. Februar 1945, wobei DEU für Deutschland steht, aber was in diesen Angaben fehlt, ist sehr aufschlussreich: Lager I, Kaufering, Konzentrationslager Nr. I. Meine Mutter, Miriam Rosenthal, in Memoriam, wurde imWinter 1944 nach Kaufering ins Lager I gebracht, nachdem ihre Schwangerschaft entdeckt worden Leslie Rosenthal 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 4. Mai 2025 war. Sie war eine Gefangene in Augsburg und arbeitete in einer Messerschmitt-Fabrik. Die unglaubliche Reise des Schreckens und der unerbittlichen Angst meiner Mutter begann, als sie von ihrem frisch angetrauten Ehemann nach nur drei Monaten getrennt wurde. Er wurde als Zwangsarbeiter in die Karpaten verschleppt. Sie wurde im Juni 1944 von Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kurz darauf in ein anderes Konzentrationslager, Plaszow, verlegt, wo sie merkte, dass sie schwanger war. Von Plaszow wurde sie zurück nach Auschwitz geschickt, jedes Mal gezwungen, vor Josef Mengele anzutreten, um den Selektions- prozess zu durchlaufen, und dann nach Augsburg, wobei sie die ganze Zeit ihre Schwangerschaft verbarg. In Augsburg wurde ihre Schwangerschaft entdeckt, und sie wurde von zwei SS-Offizieren in einem regulären Personenzug zur Vernichtung zurück nach Auschwitz gebracht. Eine gut gekleidete Dame, die den rasierten Kopf meiner Mutter sah, die ein gestreiftes Häftlingskleid trug und dünn wie ein Skelett zwischen zwei SS-Offizieren saß, fragte: „Vos passirt?“ („Was ist mit Ihnen passiert?“) Meine Mutter fragte sie: „Wissen Sie nicht, dass sie Juden töten?“ Die Dame hatte keine Ahnung. Auschwitz wurde von den Alliierten angegriffen, und als der Zug in Landsberg hielt, wurde meine Mutter dem Kommandanten des Lagers I in Kaufering übergeben. Dort wurde sie mit sechs anderen schwangeren ungarischen Frauen, die vom KZ Bergen-Belsen dorthin gebracht worden waren, in einem Bunker eingesperrt. Auf wundersameWeise brachten alle sieben Frauen ab Dezem- ber 1944 gesunde Babys zur Welt. Ich wurde als letztes der sie- ben Kinder am 28. Februar 1945 geboren. Übrigens wurde spä- ter in den Bad Arolsener Archiven eine vom Dachauer Lagerarzt Dr. Fritz Hintermeyer unterzeichnete Anweisung vom 13. März 1945 entdeckt, die dazu autorisierte, die sieben Mütter und ihre Babys nach Bergen-Belsen zu bringen und dort zu töten. Gott sei Dank wurde dieser Befehl nie ausgeführt. Ende April 1945 begannen die Nazis, die Außenlager zu räumen, und zwangen die Gefangenen, nach Dachau zu marschieren, wo Massenhin- Überlebende und Befreier

RkJQdWJsaXNoZXIy NDM3NDQ=